Wetten, dass Jim Knopf nicht für Blackfacing taugt…

Blackfacing, Jim Knopf und die Wellen der Empörung

Tl;dr Jim ist positiv, damit ist Blackfacing als Begrifflichkeit verfehlt. Es wird zu oft „Wolf!“ geschrien, die Farbe von Jim wird so überhaupt erst zum Thema. Die Art des Aufrufs kann und sollte man thematisieren, die Art des Aufruhrs kann und sollte man thematisieren, die Verkleidung an sich halte ich für unproblematisch.

Eins vorneweg: ich habe „Wetten, dass…“ am Samstag nicht gesehen, aber dem Trubel konnte man ja kaum entgehen, als Mensch, der regelmäßig online unterwegs ist.

Blackfacing! Schallt es auf allen Kanälen. Rassismus wird dem ZDF vorgeworfen und jeder, der nicht mit einstimmt, macht sich natürlich ebenfalls mindestens verdächtig, Rassist zu sein oder Rassismus wenigstens zu tolerieren.

Meiner Meinung nach läuft da – wenn auch bei den meisten Leuten wohl aus guten Vorsätzen entstanden – etwas schief, zumindest könnte das Thema etwas reflektierter, rationaler betrachtet werden.

„Blackface ist eine rassistisch geprägte Theater- und Unterhaltungsmaskerade, die in den Minstrel Shows des 19. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten entstand. Dabei malten sich weiße Künstler das Gesicht schwarz und spielten den „naiven, trunkenen, schwachsinnigen und immer fröhlichen Neger“, so wie vor allem nordamerikanische Weiße sich Schwarze vorstellten.“

Bei Blackfacing geht es also um negative Rassenstereotypen, zugeschrieben von Angehörigen der „besseren“ Rasse, bewusst übertrieben, bewusst negativ, bewusst abwertend.

Ich denke, es ist klarer Konsens, dass eine solche „Unterhaltung“ heutzutage nicht tolerierbar und absolut nicht mit modernen Werten vereinbar ist.

Bei „Wetten, dass…“ wurde jetzt in Augsburg, der Heimat der Puppenkiste, dazu aufgerufen, als Jim Knopf oder Lukas der Lokomotivführer verkleidet, die Stadtwette zu bestreiten. Soweit, so unverfänglich, sollte man meinen, sind es doch zwei der bekanntesten Gesichter und bei Klein und Groß beliebt.

Die Art des Aufrufs war, wie ich mehreren Quellen entnehmen konnte, sagen wir mal, eher nicht so gelungen bis scheisse (Tipps zum Schwärzen des Gesichts, Formulierung klar so, dass nur von weißen Teilnehmern ausgegangen wird, ergo schwarze Menschen aus der Norm fallen…). Auch stieß vielen Leuten auf, dass Jim auf seine Hautfarbe reduziert, während Lukas über den Job definiert wurde.

Aber rechtfertigt das die Welle und Art der Empörung? Meiner Meinung nach nein. Ich gehe sogar weiter: Die Empörung, die sich in social-media-Zeiten ja gerne schnell und laut erhebt, um dann ohne nachhaltige positive Folgen wieder abzuflauen, schadet mehr, als sie nutzt.

Der Reihe nach.

Lukas, der Lokomotivführer. Natürlich definiert sich diese Person über den Job, gar keine Frage. Und vermutlich haben die meisten Menschen einen Lokführer mit passender Mütze, Latzhose und Pfeife im Kopf, wenn sie an ihn denken.

Jim Knopf. Ich persönlich denke direkt an einen weiteren Sympathieträger, denke an rote Oberbekleidung, Latzhose und habe ihn auch direkt schwarz vor Augen. Einfach deshalb, weil er es in der Geschichte nun mal ist. Wobei diese Farbe mir als Kind schon vollkommen schnuppe war, wäre er grün gewesen, wäre er halt grün gewesen. Vollkommen unverkrampfte Kindersicht.

Das mit dem Sympathieträger ist meiner Meinung nach auch das Entscheidende. Es wird niemand mit billigen Stereotypen schlecht dargestellt, es werden keine übertriebenen Lippen verlangt, er ist kein versoffener, dummer Typ, er ist der smarte, witzige, sympathische und beliebte Junge. Jim ist ein Vorbild, Jim ist cool!

Selbst heute noch erhalten viele schwarze Schauspieler oft nur Klischeerollen, schaut mal, was für Rollen schwarze Menschen in Serien und Filmen bei uns so übernehmen. Und dann vergleicht das mit Jim.

Jim ist cool und kommt ohne Klischeevorstellungen von weißen über schwarze Menschen aus (oder meine Erinnerung trügt mich).

Für mich war in meiner Kindheit übrigens die Hautfarbe von Jim vollkommen egal. Erst heute wird seine Hautfarbe überhaupt zum Thema gemacht, ironischerweise von denjenigen, die klar dafür eintreten, dass Hautfarben eben keine Bedeutung haben (sollen).

Zusätzlich wird imo durch das hier falsche Verwenden des Begriffs Blackfacing, eben dieser Begriff verwässert. Leute lesen ihn zum ersten Mal, verbinden ihn dann mit Jim Knopf, denken sich, halb so wild und, wenn sie den Begriff das nächste Mal (dann vielleicht korrekt benutzt, um wirkliches Blackfacing anzuprangern) lesen/hören, winken sie innerlich ab.

Es wird heute zu oft „Wolf!“ gerufen. Das mag am Tempo und den Eigenheiten sozialer Netzwerke liegen, es mag daran liegen, dass Menschen, wenn sie für eine „gerechte Sache“ kämpfen, manchmal vergessen, die Scheuklappen abzulegen, bei einigen mag es auch an einem Geltungsbedürfnis liegen. Was auch immer es verursacht, die Folgen sind dieselben, wie in der Geschichte mit dem Hirtenjungen und dem Wolf.

Viele Fehlalarme sorgen dafür, dass später ein richtiger Alarm nicht mehr wahrgenommen wird.

Das gleiche Prinzip findet sich auch beim Thema Sexismus, wo gerade diejenigen, die ihn bekämpfen wollen, Geschlechter in vielen Belangen überhaupt zum Thema machen und auch dort werden Nicht-Hardliner durch Blocken oder Diffamieren aus der eigenen Ja-Sager-Bubble herausgehalten. Ein Diskurs, eine Debatte, die inhaltlich voranbringen und überzeugen möchte, kann da meist nicht aufkommen. Vor allem in den Themenfeldern Rassismus und Sexismus finden sich viele Leute, die Gutes wollen und sicher der Meinung sind, Gutes zu tun, aber durch ständiges Hochstilisieren von „Kleinigkeiten“ (gepaart leider oft mit fehlender Kritikfähigkeit und jeglichem Willen zu Diskussion oder Verlassen der eigenen Bubble) und lautes Schreien werden die Menschen immunisiert.

Ich halte diese Entwicklung für schädlich für Dinge, die mir und vielen anderen, wie gesagt, häufig deckungsgleich mit Beteiligten an den Empörungswellen, wichtig sind. (Zur Streitkultur und deren Problematik habe ich ja hier bereits mal was verbloggt)

Wie hätte alles laufen können?

Man hätte dem ZDF in vernünftigem Ton schreiben können, dass die ART des Aufrufs nicht gerade von Feingefühl zeugte, ja sogar rassistisch wirkt und Menschen sich dadurch persönlich angegriffen oder ausgegrenzt fühlen, das ZDF hätte sich das annehmen können und sich öffentlich entschuldigt.

Viele Leute hätten sich als Jim verkleidet, weil er ein Sympathieträger ist. Andere hätten sich evtl. auch mit dem Begriff Blackfacing beschäftigt, aber dieses Mal nicht kopfschüttelnd, weil sie Jim halt auch als Gegenteil dessen sehen, was bei Blackfacing dargestellt wird, sondern in der Art, dass sie in Zukunft sensibilisiert wären. Vielleicht hätte man ja auch schwarze Menschen mit weiß bemaltem Gesicht als Lukas gefunden und das Ganze wäre humorvoll und menschenverbindend und auch noch bildend zu Ende gegangen.

Aber das wäre ja nicht nach dem Geschmack einiger der Leute, die die Empörungswellen leiten und reiten und denen ohne das moralisch Überlegenfühlen, dies kundtun und sich dafür huldigen lassen, wohl etwas fehlen würde (es gibt natürlich auch andere Menschen, die hier kritisieren, auf die das nicht zutrifft).

So werden selbst Menschen, die sich immer wieder gegen Rassismus positionieren, angegangen, wird gespalten, statt zusammenzuhalten, wird Farbe überhaupt erst zum Thema, werden viele Leute sich wieder einmal genervt abwenden, wie es auch bei Zigeunerschnitzel, Neger, der Genderdiskussionen der Fall ist.

Man erreicht also, dass man weniger erreicht… außer mehr Empörung

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Ein Gedanke zu „Wetten, dass Jim Knopf nicht für Blackfacing taugt…

  1. R. P.

    Top Blogpost! Absolut richtig erkannt und vernünftig dargelegt.
    Auch ich wurde schon als Ausländerfeind, ja fast schon Rassist bezeichnet, obwohl ich einen Migrationshintergrund habe. Und das nur, weil die Leute, die sich in ihrer kleinen „elitären Blase“ gegenseitig immer nur die Bäuche pinseln, nicht mit Kritik umgehen können/wollen. Sonst lässt es sich ja auch nicht so schön aufregen…

    Jedenfalls lese ich solche Debatten mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Obwohl meine Eltern wie erwähnt Migranten sind und ich durchaus stereotypischen Anfeindungen ausgesetzt gewesen bin (und es teilweise auch noch bin), waren es meistens die Personen OHNE besagten Hintergrund, die sich am meisten darüber aufregten. Ich persönlich empfand sowas immer als Bevormundung und Verschlimmerung der eigentlichen Situation. Hier wurde eine Aura der Betroffenheit, des Bedachts geschaffen, die meistens gar nicht notwendig war, da es letzten Endes MEINE Entscheidung ist, wie ich auf etwas reagiere! Wenn ich Hilfe bräuchte, dann hätte ich darum gebeten.

    Und auch in dieser besagten Wetten Dass Situation sollte man die Kritik am Aufruf zur Saalwette denen überlassen, die wirklich von der Problematik betroffen sind und nicht als wütender Mob die Fackeln entzünden und Mistgabeln wetzen. Oder ,wie in diesem Fall, die Hashtags ordentlich mit Polemik beladen.

    Mir hängt diese übermäßige „Korrektheit“ nämlich mittlerweile zum Halse raus. Und das sage ich als Betroffener!

    Grüße
    RP

    Antwort

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