Archiv für den Monat Januar 2014

#TuFremdenGutes

Wie kommt es zu diesem hochtrabend klingenden Hashtag als Überschrift? 

Die letzte Zeit dachte ich mal wieder ein wenig über die Welt nach, über die Probleme die der menschliche Teil dieser Welt hat oder verursacht und über mögliche Ansatzpunkte, um daran etwas zu ändern. 

Einige Textfragmente habe ich bereits gesammelt, vielleicht reifen sie noch zu Blogbeiträgen, man wird sehen. Letztendlich bin ich der Meinung, dass die meisten Probleme und Sorgen, die wir als Gesellschaft angehen müssen und auch können, sich mit wenigen Dingen verbessern lassen. Ich sage nicht, dass es schnell geht, ich sage nicht, dass es billig wird und ich sage nicht, dass sich nicht auch einiges anderes ändern muss, aber ich glaube, letztendlich lässt sich vieles auf folgende Bereiche herunterbrechen: 

Bildung, Bildung, Bildung. Bildung ist das Alpha und das Omega, sei es, um die Renten der nächsten Generation zu sichern, sei es, um mit weniger Raubbau an der Natur mehr Menschen zu sättigen, sei es bei anderen wichtigen Innovationen. 

Solidarität, Menschlichkeit, Nächstenliebe. Wenn wir Menschen uns alle als gleichwertig betrachten würden, eigene Ansprüche manchmal zum Wohle vieler zurückstellen würden, anderen helfen würden, unseren Überfluss teilen würden, dann könnte die Welt eine bessere werden. Dazu gehört auch Teilhabe für alle. Alles das käme, da bin ich überzeugt, allen zugute. 

Alle Macht den Menschen, nicht alle Macht wenigen Menschen und Organisationen. 

Als ich mir dann heute mein neues Monatsticket kaufte, eines von diesen schönen übertragbaren, auf denen man abends und am Wochenende noch jemanden mitnehmen kann (das kann man übrigens auch mit fremden Menschen machen, aber dazu gleich mehr), kam mir der zweite Punkt in den Sinn. Es ist nun einmal so, dass man am letzten Tag eines Monats bereits das neue Ticket nutzen kann und am ersten des neuen Monats noch das alte Ticket. 

Also dachte ich bei mir: Hey, du sprichst gleich am Ticketautomaten jemanden an und machst ihm einfach eine Freude. Ein paar Euro spart ja jeder gerne. Gegenleistung wollte ich natürlich keine, wobei ich bei einem Lächeln oder einem Danke nicht geweint hätte, so was erhält man ja auch, wenn man kein Zwei-Tages-Ticket verschenkt, sondern einfach jemanden mitnimmt. 

Also ab zur Haltestelle und am Automaten platziert.

Eine ältere Dame war die Glückliche, die als erstes ein Ticket ziehen wollte. „Geben Sie das Geld für etwas Schönes aus und nehmen Sie dieses Ticket“, sagte ich ihr. „Ich habe bereits das Neue“ schob ich hinterher, da sie sehr ungläubig guckte.

Die Frau ging kopfschüttelnd – und recht flott – weg. 

Nicht ganz anders erging es mir bei einem jungen Mann und einer Frau die ich mal auf 29b schätzen würde. Zitat:“Morgen ist doch schon wieder Geld drauf“ bzw. „Häh? Was soll denn das jetzt?“ gepaart mit weggehen und komischen Blicken. 

Das gab mir zu denken. In den nächsten Spiegel geschaut: So verboten sehe ich nun auch nicht aus.Was also war die Ursache? 

Es gibt Dinge, die sich gegenseitig verstärken, Spiralen ausbilden, sei es im Guten oder im Schlechten. Ich glaube, viele Menschen haben den Glauben an das Gute, Selbstlose in anderen Menschen verloren und erwarten immer einen Haken. Wer allerdings so denkt, wird meist auch nicht so handeln, wie er es bei anderen nicht erwartet. So bestätigen sich alle darin, dass sie egoistisch sind und die Solidarität bzw. kleine Nettigkeiten gehen weiter verloren. Ein Teufelskreis, den es zu durchbrechen gilt. 

Mir kam ein Gedanke, den ich auch gleich in die Tat umsetzte (und ich fand jemanden, der immerhin schon einmal das Ticket annahm): Ich wollte öfter Menschen etwas Gutes Tun. Aber ich wollte auch darüber sprechen bzw. schreiben. Ich wollte, dass andere Menschen dadurch vielleicht wieder ein wenig Glauben an andere Menschen finden oder selber genauso agieren und Multiplikatoren werden. Und ich knüpfte das Ganze an eine Bedingung (ok, sie ist nicht nachprüfbar, aber da sind wir wieder beim Glauben an das Gute):

Derjenige, dem ich Gutes getan hatte, „verpflichtete sich“, innerhalb einer Woche zwei anderen Fremden Gutes zu tun (wer weiß, vielleicht nimmt er ja jemanden auf dem Ticket mit), davon im Bekanntenkreis oder via social media zu berichten und denjenigen die gleiche „Auflage“ zu machen. 

Für Empörung und Kontroversen ist das Internet ja immer gut, es kann aber auch gut genutzt werden, um aus der spontanen Idee Einzelner eine Welle zu machen. Ich weiß nicht, ob das Ganze vielleicht nur eine spontane Spinnerei ist, die nichts bringt, ob überhaupt jemand meiner Meinung zustimmt, ob jemand mitmacht oder es gar weiterverbreitet, aber ich weiß, dass ich anfange das öfter zu machen. 

Jeder Einzelne kann mit Kleinigkeiten dazu beitragen, dass andere wieder den Glauben an die Menschen finden, vielleicht selbst aktiv werden und weitere Menschen für die Idee begeistern können. Das Mitnehmen auf dem Ticket, die Wegauskunft, wenn man jemanden verloren am Bahnhof sieht, der Kasten, den man der netten Frau in den Wagen trägt, es gibt so viele Kleinigkeiten, die einem selber nicht wehtun, aber in der Summe einiges bewegen können. 

Also, falls jemand bis hier gelesen hat und die Idee nicht ganz so bescheuert findet, verbreitet die Idee, lebt die Idee

Tut Fremden etwas Gutes, redet darüber und bittet diejenigen, zwei weiteren fremden Menschen etwas Gutes zu tun. Im Besten Fall tretet ihr eine Lawine los, die in den Köpfen etwas bewegt, im schlimmsten Fall erntet ihr ein paar dumme Sprüche in sozialen Netzwerken und komische Blicke auf der Straße. Seid kreativ beim verbreiten, macht Fotos mit glücklichen Menschen, dreht Videos, macht, was ihr wollt, aber macht was! 

Die Antifa und die Piraten

Ich wollte ja eigentlich still bleiben, schließlich bin ich nicht mal Mitglied der Piratenpartei. Ich wollte ja eigentlich still bleiben, schließlich haben schon andere geredet/geschrieben. Ich wollte ja eigentlich still bleiben, schließlich wurde die Fahne ja gestattet. Ich wollte ja eigentlich still bleiben…

Ich wollte eigentlich, aber nun melde ich mich doch zu Wort.

Beim #bpt141 der Piraten in Bochum wurde über Kandidaten für die Europawahl entschieden. An sich. Wie von mir bereits befürchtet, gab es ein Pendant zum berühmten Zeitreiseantrag, das die eigentliche Wahl überdeckte. Leider nicht so lustig und selbstironisch, sondern eher Stoff für Debatten, aber ok, immerhin polarisierend.

Ich habe mittlerweile mehrere Blogposts zum Thema gelesen, meine TL bei Twitter bringt auch immer wieder Meinungen ein und es gibt ja anscheinend auch ein „lustiges“ Antifa-Mem mittlerweile.

Was mich unter Anderem ärgert, ist die Art des Schwarz-Weiß-Denkens, die bezüglich der Fahne auftaucht. Was mich auch ärgert, ist, dass das Aufhängen von Fahnen bei einem Parteitag anscheinend vorab niemanden interessiert oder keiner die potentiellen Folgen bedenkt. Was mich ärgert, ist, dass viele „Antifa“ nur mit Gewalt oder nur mit Antifaschismus in Verbindung bringen. Was mich auch ärgert, ist, dass Menschen zur Klärung nach #linkshinten „gerufen“ werden, ergo in eine assymetrische Kommunikationsposition, wobei aus dem gleichen Kreis schon das Angebot an einen _anonymen_ Hetzaccount, „mal ein Bier zu trinken“, als Gewaltandrohung ausgelegt wird.  Was mich ärgert ist Bigotterie, was mich ärgert, ist berechnende Steuerung von Partei und Menschen, was mich ärgert, ist … vieles…

Was ist denn mal mit Reflexion?

Was ist denn überhaupt passiert?

Beim #bpt141 hing an prominenter Stelle eine Fahne der Antifa. Wohl auch von promintenen Leuten aufgehängt, protegiert und von anderen Menschen bei Twitter (vermutlich auch anderswo) unreflektiert verteidigt oder angegriffen.

Soweit, so gut.

Jetzt ist erst einmal merkwürdig, dass eine Fahne der Antifa hängt, nicht eine der Pirantifa, oder was auch immer, aber, sei es drum. Es hängt nun also diese Fahne und es kommt auch schnell zu Diskussionen, ob das denn so sein müsse, ob das passe, ob man sich da nicht mit den falschen Leuten gemein mache, etc. Anstatt das jetzt abstimmen zu lassen, die Fahne erstmal abzuhängen oder was auch immer, wird mitgeteilt, dass es jetzt halt so sei (korrigiert mich, wenn ich etwas falsch wiedergebe, ich war nicht vor Ort) und das schon seine Richtigkeit habe.

„Was wollt ihr denn, Antifa steht für Antifaschismus“ schallts von der einen Seite, „steineschmeissende Chaoten“ von der anderem Seite. Und beide Seiten haben Recht, wenn man den Blickwinkel beschränkt genug lässt. Ja, im Grunde stand Antifa mal für Antifaschistische Aktion, ohne gewaltverherrlichenden Hintergrund, ja, es gibt dort auch Teile der steinewerfenden Fraktion. Ja, man kann sie nicht über einen Kamm scheren (btw kann man dann aber auch nicht bei anderen immer wieder mit ähnlichen „Zugehörigkeits-Argumenten“ kommen, aber das nur nebenbei), nein, „Die Antifa“ lässst sich nicht simpel definieren.

Jetzt sind die Piraten ja nicht die APPD, nein, teilweise habe ich das Gefühl, sie wollen wirklich etwas bewegen, etwas verändern, politisch agieren, und dann hängt man sich unnötig diesen Klotz ans Bein. Wenn es denjenigen, die die Fahne aufhängten, darum gegangen wäre, ein Zeichen gegen Antifaschismus zu setzen, klarzumachen, dass die Piraten diesen nicht dulden, hätte es Dutzende besserer Varianten gegeben. Varianten, die klar „Flagge zeigen“, die gleichzeitig jedem Piraten die Möglichkeit gegeben hätten, dahinter zu stehen. Man hätte das auch direkt auf der Bühne zelebrieren können, kein Thema, hätte ich befürwortet.

Aber nein, man hängt die Fahne der Antifa auf. Eine Fahne, die deutlich polarisiert (nicht zuletzt so kurz nach #hh2112). Die eben nicht nur für Ablehnung von Faschismus steht. Da können die Befürworter noch so oft gebehtsmühlenartig wiederholen, diese Fahne stünde für Antifaschismus und überhaupt könne man „die Antifa“ ja nicht über einen Kamm scheren, die Fahne heisst, gerade wegen der Heterogenität, ebensosehr Ablehnung von Faschismus, wie Zustimmung zu gewaltsamer Aktion. Man kann nicht beim Einen einwenden, das wären nur Einzelne, „Die Antifa“ gebe es ja gar nicht, um dann doch die Fahne als allgemeines Symbol für das Andere zu nutzen. Das ist bigott.

Machen wir uns nichts vor, in der Piratenpartei gibt es einige, durchaus prominente, Personen, die klar der Antideutschen Antifa zuzuordnen sind und damit auch kokettieren. Interessanterweise kommen aus dieser Ecke, den Spatzen auf dem Dach zufolge, auch diejenigen, die zum (Spam)Blocken aufrufen und gerne auch anonyme Accounts dafür basteln. Diese Personen lässt man also nun bei einem offiziellen Parteitag eine zu ihrer Gesinnung passende Fahne aufhängen, während andere nicht zugelassen sind, weil „nicht abgesprochen“. Nun ja. Kann man machen. Dann darf man sich aber nicht wundern, wenn man nicht erstgenommen oder für linksradikal gehalten wird. Naja. So hat der Staatssschutz wieder etwas mehr zu tun.

Bevor ich jetzt weiter abschweife und einen Roman schreibe, noch einmal kurz meine Kritik an der Fahne und dem Drumherum.

– Antifa ist so heterogen (worauf ja ironischerweise die Befürworter bestehen, die extra ein Mem gestartet haben dazu), dass die Fahne auf jeden Fall deplaziert ist bei Veranstaltungen von ernstzunehmenden Parteien

– Antifa steht eben auf Grund dieser Heterogenität nicht einfach für Antifaschismus. Wer das behauptet lügt sich oder allen etwas vor, gerade, wenn er klar ersichtlich zum antideutschen, Gewalt nicht abgeneigten Teil, gehört

– Wenn diese Fahne erlaubt ist, wird es beim nächten Parteitag eine Fahnenflut geben, die man nicht ohne Weiteres verbieten können wird (oder nicht ohne berechtigte weitere Diskussion), das wird eine Freude

– Durch die Debatte um die Fahne sind andere Dinge in den Hintergrund getreten. Wieviele Kandidaten wurden gefragt, wie sie zu internem Mobbing stehen? Oder ist das ein böses Thema, weil es von den falschen Personen angesprochen wurde? Worüber reden heute alle? Europathemen wohl ebenfalls weniger…

– Die Debatte spaltet die Partei noch weiter, als es eh schon durch Personen aus demselben Dunstkreis (und deren Opponenten) geschieht

– Persönliche Befindlichkeiten und Vorlieben werden in den Vordergrund gestellt, vor die Partei

Gewinner sind also ein paar Egos, Leute, die gerne schreien und die althergebrachte Politik, die sich kaputtlacht… alle anderen sind imo klare Verlierer bei der ganzen Sache…

Hätte man einfach eine Fahne „Piraten gegen Faschismus – Überall!“ aufgehängt, hätten ein paar Egos gelitten, wären andere Dinge Thema gewesen und alle wären freundlich vereint gewesen. Aber so einfach geht das natürlich nicht.