Archiv für den Monat November 2014

Von Tugçe. Von Zivilcourage. Vom Hang zu Extremen

Ja, es ist schlimm, wenn ein junger Mensch sein Leben verliert.
Ja, es ist schlimm, wenn dies (auch) passiert weil dieser Mensch anderen Menschen helfen wollte.
Ja, natürlich ist dieser Fall ein Beispiel für Zivilcourage.
Ja, natürlich ist dieser Fall ein Beispiel für Gewalt mit schlimmen Folgen.
Aber ist er nicht auch ein Beispiel für den Hang zu Extremen in Bewertungen?
Ist er nicht auch ein Beispiel für Schnelllebigkeit? Für Schnellschüsse?
Haben wir irgendwo das Maß verloren?

Heilige oder Teufel. Ehrungen oder Vergessen. Hass oder Bewunderung. Klickstrecken und Petitionen.

Ist diese Überhöhung, die gerade viele Menschen forcieren nicht auch ein wenig merkwürdig? Ist sie teilweise vielleicht sogar schädlich? Ist Tugce wegen ihrer Zivilcourage gestorben oder hätte es nicht auch bei einem anderen, dummen Streit passieren können, dass sie unglücklich getroffen wird und fällt? Hätte ihre Zivilcourage weniger Wert gehabt, wäre sie nicht gestorben? Wäre dann auch berichtet worden? Wäre sie dann auch eine Heldin für viele Menschen? Oder braucht es auch hier das Extrem? Und die Verknüpfung von Extremen?

Tugce hat ihr Leben verloren. Das ist ein Fakt. Einer der wenigen klaren.

Zu schreiben, sie hätte es riskiert, wie ich es oft lese, sagt aus, dass Zivilcourage ein Risiko für das eigene Leben darstellt. Dauernd. Quasi ein der Zivilcourage immanentes Risiko. Und ein durch sie bewusst eingegangenes noch dazu. Ich kannte Tugce nicht und kann daher absolut nicht sagen, was in ihr vorgegangen sein mag, als sie losging, um zu helfen. Aber hatte sie wirklich im Kopf „gleich kann ich sterben, wenn ich mache, was ich jetzt vorhabe, wenn ich jetzt helfe“?
Ist Zivilcourage erst dann wirklich medienwirksam und wird gesellschaftlich honoriert, wenn ein Mensch dabei stirbt oder mindestens schwer verletzt wird? Was sagt das über unsere Gesellschaft aus, wenn Zivilcourage an sich nicht ausreicht, sondern erst ein Mensch sterben muss, dann aber direkt vom Mensch zum Heiligen wird? Was sagt es aus, dass auch viele Leute auf der Seite der Täter sind, wie man Verweisen auf Facebook und Screenshots entnehmen kann? Menschen, die die Schuld Tugce geben, hätte sie sich nicht eingemischt, wäre ja nichts passiert. Muss es heute immer in die Extreme gehen?

Wäre es ein passenderer medialer und gesellschaftlicher Umgang gewesen, sie für ihren Mut und ihre Zivilcourage zu loben, diese Situation aber von den indirekten Folgen zu trennen? Eine sachliche Debatte über mögliche Gründe für die entstandene Situation, statt der üblichen Extreme zuführen? Eine sachliche Debatte über die Notwendigkeit von Zivilcourage, über Entstehung und Vorhandensein von Gewalt? Im Allgemeinen und im Speziellen Fall?

Zivilcourage ist wichtig, solange es Menschen gibt, die sich über andere erheben wollen, andere unterdrücken wollen, andere berauben wollen. Zivilcourage sollte gefördert werden, es sollte gezeigt werden, wie man helfen und dennoch sein eigenes Risiko gering halten kann. Es sollte meiner Meinung nach nicht zu einer überzogenen Verknüpfung von Zivilcourage und dem eigenen Tod kommen, wobei das potentielle Risiko nicht verschwiegen werden darf. Methoden vermitteln, statt Angst und Heroisierung. Überzahl schaffen, Zeugen schaffen, Hilfe holen. Den Weg über die Schaffung von Helden und gleichzeitig auch von Angst vor eben dieser Art der Heldwerdung halte ich für kontraproduktiv. Die einen lockt vielleicht der „Ruhm“ und sie überschätzen sich, die anderen schreckt die Angst ab. Wollen wir das?
Ein Streit, der mit Gewalt und  nicht mit Worten ausgetragen wird, beinhaltet immer das Risiko, dass sich jemand, selbst wenn es unglücklich und ungewollt geschieht, schwer verletzt oder gar stirbt. Relativ unabhängig vom Auslöser der Situation.

Auch hier müssen wir als Gesellschaft uns hinterfragen. Wieso werden so viele Menschen gewalttätig? In welchen Situationen? Was können wir tun, um Häufigkeit und Intensität zu senken? Es wird  nie eine komplett gewaltfreie Welt geben, nie kompletten Schutz vor Gewalt. Und auch ein kleiner, an sich harmloser Schubs kann zum Tode führen, wenn ein Mensch unglücklich fällt. Aber wir alle sind gefragt, wenn es darum geht, das Risiko zu senken. Dies geschieht nicht durch Ehrungen oder Verteufelung.

Bei beiden Seiten, sowohl der Courage, als auch der Gewalt, kommen wir nicht umhin, in der Betrachtung tiefer einzusteigen. Bildung, Erziehung, Integration, Chancen, Wertschätzung, Werte. Alles Begriffe, die – nicht von heute auf morgen wirksam – auf Gewalt und Courage einwirken, sie beeinflussen. Und ich habe diese Begriffe bewusst offen gewählt. Wir brauchen Ideen, Diskussionen, Auseinandersetzung. Aber sachlich. Nachhaltig. Nicht laut, öffentlichkeitsheischend und kurzfristig.

Und wir müssen uns auch dahingehend hinterfragen, wie wir solche Dinge aufarbeiten; warum Medien und Gesellschaft immer schneller immer mehr und immer extremer reagieren auf Situationen und nicht erst versuchen, zu analysieren, sondern direkt auf der Stufe (extremer) Bewertungen einsteigen.

Vielleicht lernen wir dann etwas aus dem dem Tod von Tugce. Vielleicht reden wir auch schon in einer Woche kaum noch über sie, weil wir ein anderes Objekt gefunden haben, an dem wir unseren Hang zu Extremen ausleben. Wir werden es sehen.

Quote – Ein paar Gedanken

Die Quote ist ja quasi das Allheilmittel in Sachen Gleichberechtigung, glaubt man einigen Menschen. Sie wird den Frauen das verschaffen, nach dem sie jahrelang lechzen und von dem das Patriarchat sie abhält. Sie wird Freiheit und Gleichheit bringen und Sonnenschein und es wird sowieso alles besser. Für alle!

Mal im Ernst. Wem bringt die geforderte Quote für Frauen in Aufsichtsräten etwas und inwiefern ist eine solche Quote fair oder sinnvoll? Und wie passt die Quote zur ebenfalls so modernen Gender-Theorie? Wie können Personen beide Dinge befürworten?

Ich neige zu der Ansicht, dass die Quote erst mal denjenigen Frauen hilft, die eh schon zu den privilegierten Menschen gehören. Denjenigen, die bereits zu den oberen Prozent der Gesellschaft gehören, die auch jetzt schon ordentlich verdienen und auch heute schon etwas zu sagen haben. Sicher werden sich einige heutige Politikerinnen freuen dürfen, die dann in Aufsichtsräten landen, wo sie andere privilegierte Menschen des anderen Geschlechts ersetzen werden. Welch ein Coup für die Frauen!

Warum setzen wir uns nicht lieber für bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen allgemein ein? Für bessere Bezahlung in Bereichen, in denen vor allem Frauen tätig sind (und die eh klar unterbezahlt sind), wie Pflege und Erziehung? Warum wird Hausarbeit und Erziehung eigener Kinder nicht höher bewertet, sondern setzt auf Projekte, die plakativ sind, kein Geld kosten und eh schon gut situierten Personen helfen? Oh.

Wäre nicht – die allgemeine Sinnhaftigkeit und Fairness einer Quote einfach mal als gegeben annehmend, was ja gerne geschieht – eine Quote, die sich an der jeweiligen Branche oder gar Arbeitnehmerschaft im Betrieb orientiert, fairer und sinnvoller? Warum sollte ein Unternehmen, in dem fast nur Männer beschäftigt sind die selbe Quote erfüllen müssen, wie eins, in dem fast nur Frauen beschäftigt sind? Also z. B. Prozentwert des Geschlechts im Betrieb minus 20 Prozent als Mindestwert.

Und warum gilt nicht anders herum auch eine Quote für Männer in den Aufsichtsräten von Unternehmen, in denen sie unterrepräsentiert sind? Ist das das selbe Prinzip, wie bei Gleichstellungsbeauftragten, die nur weiblich sein dürfen? Mal ehrlich, wenn es strukturell durch eine Geschlechterhoheit in einem Unternehmen oder einer Branche gewisse Machtverhältnisse geben mag, gilt das dann nur für das eine Geschlecht? Sind Frauen dagegen immun, wo Männer so schlimm agieren?

Und wenn wir schon eine Quote fordern, warum dann gerade am Geschlecht festgemacht? Auch farbige Menschen oder solche mit Migrationshintergrund sind doch in Deutschland immer noch benachteiligt, oder irre ich mich da? Sollte da dann nicht auch das Allheilmittel genutzt werden?

Und wenn wir jetzt immer noch eine Quote für Frauen fordern, wie passt das eigentlich zur modernen Gender-Theorie, die ja sagt, dass Geschlechter nur konstruiert bzw. ganz anders sind, als nur Mann und Frau und rein biologisch betrachtet? Wenn jetzt die Hälfte eines Aufsichtsrates, der nur aus Männern besteht (alt und weiß und heterosexuell versteht sich), sich jetzt als Frau definieren, was unterstützt man denn dann politisch korrekt? Die Quote oder die Gender-Theorie? Beides wäre ja dann doch schwierig unter einen Hut zu bringen.

Ich bin übrigens der Meinung, dass Vielfalt Unternehmen durchaus gut tut. Ich bin aber, es könnte dem ein oder anderen Leser aufgefallen sein, kein Freund der Quote. Nicht, weil ich gegen Gleichberechtigung bin, nicht, weil ich meine hart erkämpften Pfründe und Posten verschwinden sehe. Nein. Weil ich sie für nicht zielführend, für die meisten Frauen nicht hilfreich und allgemein für nicht fair und unnötig halte.

Update 16:40 Uhr: der @faz_donalphonso hat heute auch zur Quote geschrieben: http://blogs.faz.net/stuetzen/2014/11/29/die-frauenquote-nach-marquis-de-sade-4755/

Service – Eine Polemik

Service.

Wenn ihr ihn braucht, muss er sofort verfügbar sein, er muss kompetent, umfassend, freundlich, geduldig und zu euren  Gunsten erfolgen. Und vor allem: er darf nichts kosten, eigentlich solltet ihr sogar eine Gutschrift erhalten. Außerdem heißt Service natürlich, dass der Knecht euch, den Königen, alles möglich macht, sonst muss halt die nächsthöhere Instanz ran!

Klar, ihr seid nicht Otto-Normal-Kunde, euer Anliegen ist besonders, euer Anliegen eilt, ihr seid langjährige, treue Kunden, ihr sichert seinen Job. Hätte er was gelernt, würde er auch fordern können, so verschwendet er nur eure kostbare Zeit, während er doch so viel davon hat und eigentlich nur auf euch warten sollte. Außerdem habt ihr immer andere solcher Idioten an der Strippe, immer neue! Schlimm!

Und ausgerechnet ihr landet auch immer bei diesem unfähigen, unfreundlichen Kretin ohne jede Entscheidungskompetenz. Das euch! Die ihr doch Könige seid! Möge der Wurm doch endlich seinen Chef holen, der euch den roten Teppich ausrollen und im Staube winseln möge, ob eurer Herrlichkeit.

Nichts kann er! Er müsste euch doch eigentlich Geld geben und euch danken, dafür, dass er sich im Glanze eurer Stimme und eurer Schreiben sonnen darf, er der er doch nichts kann und von euch dennoch so fürstlich entlohnt wird!

Beschweren werdet ihr euch! Schließlich seid ihr wer und nicht einfach nur irgendwer! Sofort den Namen her! Und den Chef! Besser dessen Chef! Am besten Gestern!

Nicht? Ihr seid da ganz anders? Ihr seid stets freundlich, zuvorkommend, verständnisvoll, vorbereitet, geduldig, geht wertschätzend mit eurem Gegenüber um, auf Augenhöhe?

Überlegt mal kurz, wie ihr wirklich mit dem Servicebearbeiter umgeht, der euch sagt, dass die Bahn ausfällt, mit dem Bearbeiter, der euch sagt, dass eine Gutschrift nicht möglich ist oder, dass ihr keinen Onlinerabatt für Neukunden bekommt, weil ihr weder Online bestellt, noch Neukunde seid. Wie ihr reagiert, wenn dieser Idiot von euch Daten zu euren Verträgen haben will, die er doch eh sieht! Wo ihr doch so in Eile und wichtig und sowieso unterwegs seid.

Überlegt mal kurz, wie ihr reagiert, wenn die Warteschleife mehrere Minuten dauert, wenn der Bearbeiter nicht freudig darauf reagiert, wenn ihr ihn dafür anraunzt, was andere verbockt haben, wenn euer Netz mal ein paar Stunden kaum oder nicht funktioniert. Wenn euer Anschluss gesperrt wurde, weil ihr nicht gezahlt habt und er euch sagt, Entsperrung ist nicht drin ohne Zahlung. Wenn er euch erklärt, dass auch für euch Verträge gelten, auch für euch, wie für Müller von nebenan, Regeln gelten.

Überlegt mal, wie oft ihr nach Gesprächen oder Mails einfach mal so ein positives Feedback abgebt – Feedbackbögen ausfüllt, äußerst zufrieden anklickt, eine Dankesmail schreibt – und wie oft ihr bei Nichtigkeiten Beschwerden abgebt.

Überlegt mal, in welchem Ton ihr mit wem sprecht, was ihr fordert, was ihr erwartet, für euch gebührend haltet und was ihr dafür bereit seid zu geben, wo doch schon das iPhone so teuer ist…

Vielleicht seid ihr ja wirklich anders, vielleicht denkt ihr es aber auch nur. Vielleicht denken einige von euch jetzt wirklich nach, vermutlich viele nicht. Und ganz vielleicht werden einige von euch ab jetzt sogar anders agieren. Wer weiß. Ich werde es teilweise mitbekommen. In unserem nächsten Gespräch oder Schriftwechsel.