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#NoDuigida

Ich war heute mal wieder auf einer Demo. Ob ich demnächst auf eine ähnliche Demo gehe, muss ich noch überdenken (und das hat nichts mit den proklamierten Anliegen zu tun).

Vorgeschichte

Aufgrund dessen, was derzeit in meiner Heimat Oberhausen passiert (Gründung einer Bürgerwehr und versuchter Anschlag auf eine kommende Asylbewerberunterkunft [ https://linksunten.indymedia.org/de/node/165628 ] und  Hetze mit erfundenen Übergriffen [ http://www.rp-online.de/nrw/panorama/hetze-falschmeldungen-behindern-die-polizei-in-oberhausen-aid-1.5699714 ]) und des ersten Geburtstags des Duisburger Ablegers von Pegida dachte ich, dass es mal wieder an der Zeit wäre, mitzuhelfen dabei, zu zeigen, dass der schöne Ruhrpott keinen Platz für Rassisten – und spaltende Arschlöcher allgemein – hat.

Hätte ich zwischendurch öfter dabei sein sollen?  Grundsätzlich ja, da muss ich mich selbst auch kritisieren. Hätte ich mich immer wieder dort wohlgefühlt und wäre jetzt noch/wieder dabei? Potentiell eher nein. Warum? Der Reihe nach…

Der Anfang

… Also machte ich mich auf den Weg nach Duisburg, um an der Gegendemo der Antifa teilzunehmen. Die Anzahl war nicht mit der ersten Gegendemo (als Pegida das erste Mal in Duisburg auftrat, um schnell rechte Hools und alte Rechte zu aktivieren; später auch besorgte Bürger)  zu vergleichen, aber das hatte ich auch nicht erwartet.

Bereits zu Beginn fiel mir auf, dass ich einer der ganz wenigen (von 3-400) Menschen war, die nicht komplett in schwarz gekleidet waren – nicht falsch verstehen, ich verstehe durchaus den Sinn hinter der Uniformierung – und diese Demo alles Mögliche darstellte, aber weit entfernt davon war, eine bunte Mischung dazustellen. Es war sicher nicht so, dass Menschen außerhalb der Szene oder gar eine breite Masse sich eingeladen fühlen würde, mitzumachen.

Anfangs streikte die Technik (dementsprechend waren die Anfangsansagen nur so mittel zu verstehen, wurden aber auch nur bedingt aufmerksam verfolgt) und die Polizei äußerte (wohl vorher nicht geäußerte) Forderungen bezüglich Transparenten. Es mussten also Mindestabstände bei den Transparenten eingehalten werden (was aber, soweit ich mitbekommen habe, weder eingehalten, noch erneut eingefordert oder gar sanktioniert wurde).

Die Demo an sich

Es lief durchaus ansprechende Musik (ok, das ist natürlich sehr subjektiv) und die Demo zog durch (teils natürlich der Sperrungen geschuldet) leere Hauptstraßen mit außer massenhaft Polizei wenigen Menschen, die durch Gesänge/Parolen/Reden eventuell hätten erreicht werden können (Nähe zur Kundgebung, gegen die man ja an sich antrat [oder?] war eh nicht gegeben, wenn das wohl auch nicht Schuld der Demonstrierenden war). Teils waren es Gesänge, mit denen man sich selber der Einheit als gute Antifaschisten und als Gegner von Grenzen versicherte, teils (für mich) plumpe Gesänge gegen Deutschland und dessen Institutionen, teils Gesänge gegen Rechts an sich. Eine nicht wirklich unübliche Mischung also für eine Demo.

Die kurzen Ansagen vom Wagen nahmen gefühlt wenige Menschen wirklich auf – was leider auch absolut – und besonders bitter, wie ich finde – für die Reden am Zwischenhalt gilt. Die Pausen wurden viel mehr gefühlt dafür genutzt, mit den Menschen aus dem eigenen Umfeld alltägliche Dinge zu bereden oder einen Happen zu essen. Ob es an den Rednern lag, den Zuhörern oder den allen eh bereits bekannten Themen, kann ich nicht sagen. Vielleicht stand ich ja auch immer nur unglücklich.

Kritisiert wurde auch, dass sich die breite Masse der (Duisburger) Bürger nicht(mehr) an Protesten beteiligt.

Die Reden

Zwischenrede 1 fand ich – wie einige der Zwischenanmerkungen auf dem Weg dorthin – durchaus treffend, informativ und gelungen. Zwischenrede 2 war dann eher ein (teils legitimer, teils imo konfuser und mit modernen Fachbegriffen und Moralismen gespickter) Rundumschlag gegen alles – von Rechten über die Gesellschaft, die Polizei, den Staat, die Medien, Islamisten, Antiziganisten & Hools hin zu antiimperialistischen Linken wurde gegen alles gekeilt – das alles natürlich definiert von denjenigen, die die Rede schrieben – aber zugehört haben wie gesagt gefühlt eh nur wenige Leute…

Fazit

Puh. Auf mich wirkte vieles an dieser Demo nicht so, dass es mich dazu animieren würde, bei einer erneuten Demo in dieser Konstellation/Ansetzung mitzulaufen – wobei ich positiv hervorheben muss, dass alles sehr friedlich ablief; sowohl von den Teilnehmern, als auch der Polizei.

Natürlich war es der Anlass wert, mitzulaufen, keine Frage; aber es war für mich halt gefühlt eine Selbstbelustigung/-darstellung vieler Leute ohne weitergehenden Mehrwert. Immerhin war aber TV dabei (wohl u. A. RT, vor denen gewarnt wurde und SAT1 und WDR)…

Es wirkte auf mich wie eine Zusammenballung von Gruppen, die für sich zufrieden damit schienen, dabei zu sein, einige Parolen zu rufen und einen halbwegs geschlossenen Eindruck zu machen. Es war aufgrund der Route – und der paar verbreiteten Inhalte – auch nicht so, dass man Menschen von seinen Themen hätte überzeugen können und zuletzt war auch (bis zur Schlusskundgebung, bei der ich dann die Demo verließ) keine Störung (oder wenigstens ein akustisches/optisches Erreichen) der Pegidisten möglich (Störung/ Kenntnisnahme gab es dann nach der Demo wohl noch in kleinem Rahmen). Was ich so als Ziele für eine Demo definieren würde, wurde jedenfalls meiner Meinung nach nicht erreicht. Wüsste ich die Ziele der Organisatoren, könnte ich hier natürlich eher ein sinnvolles und weniger subjektives Fazit ziehen.

Erreicht man so die breite Masse der (Duisburger) Bürger?

Auch Teil des Fazits: Pegida bleibt für mich weiterhin etwas, wogegen man demonstrieren, die Einstellungen der Teilnehmer etwas, wogegen man argumentieren und angehen sollte.

Wer/Was fehlte mir in der Demo?

Unterrepräsentiert waren die Bevölkerungsschichten 35/40+ (was ja nun doch einen großen Teil der Gesellschaft darstellt), der weibliche Teil der Bevölkerung (dito, wenn auch besser vertreten), Träger nichtdunkler Kleidung ( :P) und auch (sehr deutlich) Menschen mit erkennbarem Migrationshintergrund. Gerade die letzte Gruppe nicht zu erreichen ist imo schon bitter. Wenn man in seinem Selbstverständnis für eine Gruppe agiert, sollte man sich dann nicht hinterfragen, wenn man genau diese nicht erreicht, diese nicht merkbar vertreten ist? Zumal die heutigen Gegner definitiv gegen diese Leute sind? (Wer hierzu Gründe/Begründungen hat, kann mir diese sehr gerne mitteilen)

Gefühlt waren es insgesamt viele kleine Gruppen, die sich in vielen Ansichten einig waren, aber dennoch unter sich in den ihnen bekannten, kleinen Gruppen blieben.

Ist das problematisch? Ja! Ein Gegenprotest, der große Teile der Gesellschaft nicht erreicht – nicht zuletzt diejenigen, für die er da sein möchte (wenn er nicht nur gegen etwas sein möchte,was bitter wäre) ist ein großes Problem; sowohl in Sachen Glaubwürdigkeit oder Legitimität, als auch wenn es um die Wirkung des Protestes und die nötigen Multiplikatoren außerhalb der eigenen Blase geht. Auch das geschlossen schwarze, aggressiv junge Auftreten mit Kapuzen und schwarzen (Leder-)Handschuhen sorgt sicher nicht dafür, dass sich die breite Masse spontan anschließt (da gibt es natürlich auch noch weitere Aspekte, aber alleine das würde meine Familie und viele meiner Bekannten schon abschrecken).

Sollte ein Signal an die Rechten gesendet werden? Sorry, aber die Rechten am Hbf haben die Demo gar nicht störend wahrgenommen (Trolle im Netz zählen nicht) und Demos nur abzuhalten, um sich nach innen zu bestärken kann doch nicht der einzige Sinn sein (wenn es auch durchaus _mal_ Sinn machen kann).

Nicht einmal wirkliche Interaktion war für mich bemerkbar; die gefühlt meisten Leute blieben trotz recht kleiner Demo (bei Großdemos oder angespannter Lage macht das ja durchaus Sinn) innerhalb ihrer kleinen Bezugsgruppe oder bei Menschen, die sie schon gut kannten (vielleicht habe ich natürlich auch nur nicht gut aufgepasst…).

Kurz: Die breite Masse der (Duisburger) Bürger fehlte mir. Warum sie fehlten? Das mag sowohl an der derzeitigen (schlimmen) Entwicklung liegen, zum Teil aber auch vielleicht an Art/Inhalt/Teilnehmerzusammensetzung der derzeitigen Proteste. Nachgedacht werden muss so oder so über Wege, diese Menschen (wieder) zu erreichen; und da sind wir alle gefragt.

Der Gegenprotest am Hbf selber wurde wohl von der Linken, den Grünen und der MLPD getragen (laut Fahnen) und war recht klein, aber immerhin in Rufweite der Rechten. Mehr kann ich dazu nicht sagen, da ich dort nur kurz verweilte.

Immerhin gab es (solange ich dabei war jedenfalls) keine sinnlosen Krawalle.

Was ich mir wünsche 

Statt eines schwarzgekleideten, fast nur jungen, weißen, männlichen Protests (und ich bin ja an sich kein Freund dieser Kategorisierungen, aber hier drängen sie sich auf, sind sie doch fast eine Karikatur des gewünschten/ proklamierten Bildes) wünsche ich mir bunten, fröhlichen Protest, der viel mehr Vielfalt zeigt und viel vielfältigere Menschen erreicht.

Vielleicht bin ich ja nur ein Träumer – sicher bin ich für einige jetzt wieder ein Nestbeschmutzer – aber das wünsche ich mir halt. Wir brauchen gerade in den heutigen Zeiten (nicht umsonst wurde zurecht vom Rechtsruck der Mitte oder zumindestens dem jetzt offener möglichen Rechtssein geredet, das vorher eher nur am Stammtisch geduldet war) eine breite Öffentlichkeit, eine offene Debatte und eine Kultur des Gemeinsam-Agierens.

Wichtig ist weiterer Protest und das Erreichen der Menschen für Menschen.

Teile der Problematik, die ich allgemein bei uns Linken sehe, habe ich bereits hier verbloggt: https://matzesgedanken.wordpress.com/2014/12/31/linke-probleme/

Paris. Viele Fragen.

Paris. Wieder.

Viele Tote, viele trauernde Angehörige, Verletzte, betroffene Überlebende. Sehr viel Leid.

Es gibt so viele Ebenen, die man hier betrachten kann, vielleicht auch sollte. Und ich habe nur Fragen und einige Gedanken; wer Antworten sucht, braucht hier nicht weiter lesen.

Was passiert ist in Paris, passiert anderswo so oft, dass es im täglichen Nachrichtenrauschen bei „uns“ kaum mehr ankommt oder länger, als ein paar Stunden das Denken & Fühlen wirklich beeinflusst. Die Zahl der Toten ist allerdings auch sonst nicht alltäglich, selbst nicht in Bagdad, Beirut oder Nigeria und jetzt ist es in Paris passiert. Nah. Sowohl geographisch, als auch kulturell und für viele persönlich. Was passiert ist in Paris, ist schrecklich; was für Folgen die Anschläge haben werden ist auf vielen Ebenen derzeit in der Schwebe. Alles scheint möglich, nichts gewiss. Das gilt sowohl für Entscheidungen auf der politischen Ebene, als auch auf alltäglicher, zwischenmenschlicher.

Und diese Entscheidungen und Reaktionen werden meiner Meinung nach entscheidend sein dafür, wie diese Anschläge und ihre Auswirkungen in Zukunft bewertet werden.

Welche Auswirkungen werden diese Anschläge haben? Welches Gewicht werden diese Auswirkungen haben? Werden wir uns an Militär im Inland gewöhnen, gewöhnen, gewöhnen müssen? Werden die Wünsche der Sicherheitshardliner erfüllt und Datenspeicherungen immensen Ausmaßes von nun an als normal und nötig angesehen? Werden Gräben in der Gesellschaft vergrößert oder werden sie zuwachsen, gehen wir aufeinander zu oder voneinander weg? Wird dem Terror mit Nächstenliebe und Beibehalten der Grundrechte getrotzt, wird es mit Hilfe von Aufrüstung und Überwachung sein, vielleicht mit Beschneidung von Grundrechten? Wird Terror mit immer mehr Waffengewalt in anderen Ländern und im eigenen Land, auf dem eigenen Kontinent, bekämpft? Wird das dann nachhaltig helfen oder weitere Generationen von potentiellen Terroristen erschaffen durch unschuldige Opfer und Leid? Werden wir einsehen müssen, dass es immer und überall möglich ist, Opfer eines Arschlochs zu werden? Werden wir einsehen müssen, dass der Tod jetzt auch in Europa häufiger zuschlagen wird, nicht nur in „ordentlicher“ Entfernung? Werden wir dadurch allen, die „anders“ sind gegenüber misstrauisch(er) werden? Werden wir dadurch Spannungen vielleicht noch vergrößern, befördern? Was werden wir für Folgen erleben, welche Narben werden diese Anschläge hinterlassen? Werden sie vielleicht auch unsere Sicht auf Leid in anderen Teilen der Welt verändern? Werden wir dauerhaft Schweigeminuten erleben, Flaggen auf Halbmast, täglich wechselnde Avas der Solidarität? Was passiert ist in Paris, erzeugt Angst, erzeugt Wut und scheint Vielen nach schnellen, harten Reaktionen zu schreien. Und viele schreien sofort nach Maßnahmen. Angst, Wut und Hast sind aber meiner Meinung nach eher die falschen Ratgeber für ein Thema, das durchaus das Potential hat, viele Stränge der nahen und ferneren Zukunft stark zu beeinflussen. Instrumentalisierung der Anschläge surft auf der Welle der Emotionen und vorgefertigten und jetzt (scheinbar) bestätigten Meinungen aller Couleur. Viele versuchen jetzt – wieder und vorhersehbar – ihre Agenda oder ihre Sicht als die einzig wahre zu verbreiten, die Reflexe greifen wieder – auf allen Seiten. Im Vokabular enthalten sind bereits der absolute Krieg, bedingungslose Unterstützung und der Dritte Weltkrieg. Gerufen wird nach mehr Überwachung, Stärkung der Geheimdienste, mehr Sicherheitskräften, besserer Bewaffnung, Schutz der Grenzen, Begrenzung von Flüchtlingen (also natürlich nicht im Sinne der Ursachenbekämpfung, sondern des Symptoms) usw. Gerade in Kombination machen mir solche Aussagen große Sorgen, lassen mich zweifeln, dass hier mit Bedacht entschieden werden wird.

Stellt euch einfach vor, wir würden als Reaktion auf Terror mit diesen Methoden reagieren. Wollen wir wirklich eine solche Welt? Mit dauerhaftem Bedrohungsszenario und den passenden emotionalen Katalysatoren lassen sich weitgehende Überwachung und Abschaffung von Rechten sicher durchsetzen. Ließe sich das Rad danach noch einmal zurückdrehen? Oder drehte es sich unaufhaltsam Speiche um Speiche weiter? Weil die ergriffenen Maßnahmen immer noch nicht ganz reichen, der nächste Schritt aber sicher? Weil noch immer nicht alle Menschen friedlich sind, trotz aller Maßnahmen und wir daher immer noch mehr Überwachung und noch weniger Rechte durchsetzen müssen? Weil es immer nur ein kleiner weiterer Schritt ist, ein Zentimeter mehr, wie bei Bubka? Ich mache mir große Sorgen, fühle mich ohnmächtig.

Man kann nach den Gründen für Radikalisierung von Menschen, die letzten Endes Attentäter werden, fragen – nach dem Prozess, der dorthin führt. Man kann dann allein bei dieser nur scheinbar kleinen Frage schon mehrere Ebenen und Möglichkeiten betrachten.

Da gibt es die innenpolitische und gesamtgesellschaftliche Ebene, wie hier in Europa mit Menschen umgegangen wird, die hier bereits leben oder herkommen und hier leben wollen. Das heißt, (u. A.) Themen wie Rassismus, Integration und Integrationswillen, Diskriminierung und soziale Chancen, Bildung und Menschenbild zu beleuchten, ebenso wie den Umgang mit Asyl und Flüchtlingen und den genannten Themenfeldern durch die Politik. Wie Medien mit diesen Themen umgehen, wie wir im Alltag mit diesen Themen umgehen, wie wir alle agieren, reagieren, nichts tun.

Die außenpolitische Ebene , wie und warum „Der Westen“ in anderen Weltregionen agiert und wie dies bei den dort lebenden Menschen und deren Verwandten und Bekannten anderswo ankommen mag und ankommt. Welche Gruppen werden warum unterstützt, welche nicht? Wie wird dort wirtschaftlich gehandelt? Wie, was und wer erhält Hilfe? Wie wird mit den vielen – oft sogenannten kollateralen – Opfern dort umgegangen? Durch die Gesellschaft, durch die Politik, durch die Medien? Sorgt „Der Westen“ gut gemeint, aber schlecht gemacht, für Probleme, für Destabilisierung, für Leid? Folgt er einer eigenen Agenda und nimmt dies bewusst in Kauf? Gerade in diesem Themenfeld gibt es viele, teils sicher absurde, Ansichten – und ebenso viele Überzeugte.

Die religiöse Ebene. Machen wir uns nichts vor. Es gibt diese Ebene und sie ist relevant. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Religion an sich schuldig ist an dem, was passiert, schon gar nicht alle Gläubigen, aber sie wird mindestens als Katalysator oder Vehikel genutzt und diejenigen, die Terror verbreiten, haben wohl ein Selbstbild als wahre Gläubige. Ist es sinnvoll, deshalb ganze Religionen mitsamt allen Angehörigen unter Generalverdacht zu stellen? Spielt man damit nicht genau denen in die Hände, die Angst, Spannungen und Ablehnung brauchen, seien es rechte Gruppen oder religiöse Menschen, die andere zu Anschlägen bringen? Hier kann man trefflich streiten, was man von religiösen Verbänden oder Personen erwarten kann, darf, sollte oder wie auch immer. Auch kann man danach fragen, wieso Menschen sich religiös so weit radikalisieren (lassen), dass sie dazu fähig sind, „im Namen ihrer Religion“ schreckliche Taten zu vollbringen und wer da auf welche Art Einfluss nehmen kann, um das zu verhindern.

Ist es ein Thema der Gesellschaft? Eins der Angehörigen derselben Religion? Von Verbänden oder von Einzelnen? Trägt jede Religion, jede Überzeugung dieses Potential in sich? Man kann nach dem jeweiligen Individuum fragen, den speziellen persönlichen Umständen, die aus einem Menschen einen mordenden Menschen machten.

Man kann nach den Zielen der Anschläge und der Menschen dahinter fragen. Sowohl den physischen Zielen und deren Auswahl, als auch nach den Zielen, die mit diesen Anschlägen verfolgt wurden. Terroranschläge gelten nur bedingt den jeweiligen Toten, sie gelten vor allem den Überlebenden, den Menschen, die nicht Opfer wurden und somit Ziele der Schreckensverbreitung. Man kann fragen, welche Reaktionen sich die Planer und Durchführer der Anschläge erhoffen. Wollen Sie Angst verbreiten? Wollen Sie, dass wir allen Muslimen mit noch mehr Vorbehalten entgegentreten, als es Viele eh schon tun? Sie argwöhnisch betrachten und ausgrenzen, damit sie weiteren Zulauf erhalten? Wollen sie ihre Macht demonstrieren, Leben auch in Europa zu nehmen; nach innen und außen Stärke zeigen und dadurch sowohl neue Menschen rekrutieren, als auch andere festigen? Wollen sie, dass wir unsere erkämpften Freiheiten aufgeben? Wollen Sie, dass härter militärisch vorgegangen wird, damit es mehr zivile Opfer geben wird und dadurch mehr Zustimmung? Gibt es einen Königsweg, wie hier agiert werden kann? Ist der eventuell genutzte Weg als Flüchtling nach Europa bewusst geschehen? Soll er Europa und die Menschen in Europa dazu bringen, sich abzuschotten und Menschen im Elend zu lassen, aus Angst? Wurde er ganz einfach genutzt, weil er – wie auch andere – möglich war? Sollen wir jetzt Flüchtlinge unter Generalverdacht stellen? Terroristen und manch westliche Hardliner spielen sich hier gegenseitig in die Hände und leben auch voneinander, könnte man meinen.

Man kann nach den Auswirkungen dieser und anderer Anschläge fragen. Man kann fragen, ob diese Anschläge zeigen, dass wir mehr Überwachung und Befugnis für Dienste und Militär benötigen oder ob dieser Ansatz vielleicht doch als gescheitert gelten kann, da sich Anschläge nie zu 100 % verhindern lassen werden. Man kann sich fragen, ob wir den Terroristen nicht auf den Leim gehen, wenn wir unsere Gesellschaften spalten lassen, wenn wir unsere Freiheiten aufgeben. Man kann sich fragen, ob eine weitere Verschärfung des Kriegs gegen Terror sinnvoll ist und, wenn ja, wie dieser Krieg dann geführt werden sollte. Man kann sich so viele Fragen stellen, die mit kurz-, mittel- und langfristigen Auswirkungen auf das Leben aller Menschen zu tun haben, für die diese Anschläge durchaus Katalysator sein könnten.

Man kann nach dem Umgang mit diesen und anderen Anschlägen fragen. Man kann zum Beispiel fragen, wieso Menschen anders reagieren, wenn Anschläge in Paris passieren, als wenn es um Anschläge z. B. im Irak, in Israel oder in Nigeria geht. Ist es die geographische Nähe, die entscheidet? Ist es eine wie auch immer geartete kulturelle Nähe? Die höhere Wahrscheinlichkeit, dass sich dort gerade Freunde oder Verwandte aufhalten, also eine potentielle persönliche Nähe zu den Anschlägen? Ist es eine Abstumpfung, die bei den vielen schlimmen Berichten in Bezug auf manche Region der Welt eingesetzt hat? Ist Paris Teil des „Wir“, während sich sonst „Die“ gegenseitig umbringen oder halt „Die“ umgebracht werden? Wird durch ein Wir/Die-Denken bewusst oder unbewusst eine (emotionale) Grenze aufgebaut, die innerhalb der Gesellschaft ebenso wirkt, wie von ihr nach außen? Wie viel Einfluss haben Berichte von Medien und Aussagen von Politikern auf die Reaktionen, deren Reichweite und Dauer?

Wann und warum werden in sozialen Medien die Avas geändert, Solidaritätsbekundungen verfasst und verbreitet? Wann und warum werden öffentliche / bekannte Gebäude angestrahlt, um Solidarität zu zeigen? Wann und warum hängen Flaggen auf Halbmast? Wann und warum gibt es klare Aussagen, die „bedingungslose“ Unterstützung oder Solidarität zusagen? Und wann und warum nicht?

Wie kommt der Unterschied im Umgang wiederum bei Menschen an, für die andere Anschläge halt doch nahe sind?

Man kann sich auch die Frage stellen, wie man selber reagieren würde, wäre der Terror täglich vorhanden in der Region, in der man lebt, nicht nur einmal in relativer nähe. Würde man selber dort bleiben oder vielleicht doch fliehen? Wie hoch muss der Druck sein, um seine vertraute Umgebung, seine Heimat und Bekannten zu verlassen? Wie groß muss der Druck sein, um das ebenfalls große Risiko der Flucht auf sich zu nehmen? Und wie würde man dann gerne empfangen werden in einem anderen Land? Und was würde man empfinden, würde man dort von einheimischen Menschen häufig abgelehnt, angefeindet? Nicht, weil man ein schlechter Mensch wäre, sondern weil man fremd ist, die falsche Religion oder Farbe hat, die falsche Sprache spricht oder die „richtige“ nur wenig.

Kann man erwarten, dass sich bestimmte Personengruppen von solchen Anschlägen distanzieren? Wenn man meint, es müssten sich Menschen distanzieren, wer dann genau? Landsleute der Täter? Angehörige der Religion, auch wenn sie diese völlig anders auslegen und ausleben, als die Täter? Sind es Verbände, die sich distanzieren müssen? Sind es Verwandte oder Bekannte der Täter, die sich zu distanzieren haben? Kann man Distanzierung erwarten oder verlangen, ohne die vorher gestellten Fragen zu beantworten und sich zu fragen, wovon oder inwiefern man sich evtl. selber von etwas distanzieren sollte, bevor man verlangt?

Sollte man sich die Frage stellen, inwiefern man selber (nicht) dazu beiträgt, eine Gesellschaft zu bilden, die nicht ausgrenzend, sondern inkludierend ist? Sollte man sich die Frage stellen, ob man durch seine Kreuze bei Wahlen politische Entscheidungsprozesse in Gang gesetzt hat, die vielleicht Teil des Problems sind? Sollte man sich fragen, ob man selber in Wir/Die denkt und somit selber ein kleiner Teil des Problems sein könnte? Sollte man sich distanzieren, weil man ein Mensch ist – wie die Täter auch – oder eben nicht, weil Mensch als Kategorie nicht passt oder zu weit gefasst ist? Wo zieht man dann eine sinnvolle Grenze? Berufsgruppe, Blutsverwandtschaft, Herkunftsort, religiöse oder politische Nähe? Ist nur relevant, als was sich die Täter bezeichnen? Wie genau muss diese Selbstbezeichnung demjenigen entsprechen, damit er sich distanzieren soll? Kann man Distanzierungen verlangen; mit welchem Recht? Kann man sie für sinnvoll halten oder auch für nicht hilfreich oder gar schädlich?

Man kann sich fragen, ob Grenzen besser geschützt oder etwa ganz abgeschafft gehören, ob Integration mehr Hol- oder Bringschuld ist, ob wir allen Menschen in unserer Gesellschaft die gleichen Chancen ermöglichen. Man kann sich fragen, welche Freiheiten man selber bereit wäre aufzugeben, welche Rechte, um im Tausch vielleicht ein wenig mehr Sicherheit zu erhalten – wenn man daran glaubt. Man kann natürlich auch seine Fragen stets nur auf andere Menschen und deren Handlungen fixieren und sich selber aus der Gleichung ausnehmen. Man selber tut ja niemandem was und will doch nur Ruhe, Sicherheit und was auch immer.

Kann man Vereine oder Gruppen verbieten und brächte das für sich genommen etwas? Was sind Symptome, was sind Ursachen?

Ist es nötig und wichtig, mit ordentlich Bodentruppen den IS zu zerschlagen? Sind Drohnen der Schlüssel oder großflächige Luftbombardements? Ist Russland mit im Boot oder eher Halbfeind? Was ist mit z. B. Assad? Welche Vor- und Nachteile für wen bringen welche militärischen Vorgehensweisen? Was soll eigentlich gemacht werden mit dieser gesamten dauerhaft destabilisierten Region, damit dort etwas wie Frieden möglich ist? Kann man dort Stabilität schaffen, wenn ja wer und wie? Was ist eigentlich das wirkliche endgültige Ziel für die Region? Haben wir eins? Eine Vision? Etwas realistisches?

Man kann sich auch die Frage stellen, ob es hilfreich ist, jeden direkt als Nazi zu titulieren, der eine weniger offene Meinung zu Flüchtlingen oder anderen Themen hat. Ob man auf diese Art nicht diesen und andere Begriffe entwertet, andere Menschen ausgrenzt und abwertet und somit weitere Ressentiments schürt, durch das dauerhafte Nutzen starker Begriffe für jegliche Abweichung.

Man kann so viele Fragen stellen, bis einem der Kopf platzt.

Ich bin weder Psychologe, noch Soziologe, kein Militärexperte, keiner für Geheimdienste, weder Politiker, noch Theologe, auch kein Journalist; ich werde vermutlich auch keine beleg- und belastbaren simplen Antworten finden, wenn denn welche zu finden sind. Und so habe ich keine Antworten, ich habe nur Fragen und Gedanken. Und das auch noch alles ziemlich wild und ungeordnet bislang.

Ich denke, dass es keinen Zustand 100%iger Sicherheit geben kann, ich denke, dass es immer Menschen geben wird, die anderen aus verschiedensten Gründen Schlimmes wollen oder tun. Ich denke, dass wir lernen müssen, mit der Angst umzugehen, die dadurch entsteht – dass wir das Risiko auf gewisse Art akzeptieren müssen, so wie wir auch die Gefahr von Unfällen akzeptieren, ohne uns wegen der Statistiken einzusperren. Das Leben endet halt tödlich, aber mit einigen Risiken kommen wir anscheinend gut zurecht, während uns andere so sehr ängstigen, dass viele von uns bereit sind, sich deswegen einzuschränken. Worin ist dieser Unterschied im Umgang begründet?

Ich denke auch, dass teilweise leider Gewalt nötig sein wird, um solche Menschen von Gewalt abzuhalten; eine Gesellschaft völlig ohne Staatsgewalt halte ich leider auf mindestens sehr lange Sicht für vollkommen utopisch. Schade, aber so ist es meiner Meinung nach halt.

Ich denke aber auch, dass wir Menschen durchaus das Potential haben, gemeinsam eine Welt zu schaffen, die möglichst allen, die das wünschen, ein vernünftiges gemeinsames Leben ermöglicht. Und ich denke, dass Freiheit, Fairness und Weltoffenheit wichtige Aspekte sind, wenn wir etwas Gutes erreichen wollen. Ich denke, dass jeder durch kleine Taten die Welt besser und lebenswerter machen kann für sich und andere Menschen. Und ich denke, wenn das viele Menschen tun, kann dadurch einiges bewegt werden. Ich denke nicht, dass es hilfreich ist, Freiheiten und Rechte zu beschneiden, Grenzen zu schließen, Menschen auszugrenzen und die Stimmung anzuheizen. Ich denke, dass auch und gerade Politik und Wirtschaft gefragt sind, wenn es darum geht, die Verhältnisse auf unserer globalisierten Welt so zu verändern, dass viele Grundlagen für Leid und Missgunst bald nur noch Randthemen sind, die wir gemeinsam abgeschafft haben. Es gibt viel zu tun, denke ich. Packen wir’s an.

Andere Menschen, Experten in bestimmten Bereichen, werden zu ganz anderen Schlüssen, vermutlich auch schon zu ganz anderen und mehr Fragen kommen. Vielleicht hat einer derjenigen Recht. Oder vielleicht finden Fachleute verschiedener Couleur eine Synthese ihrer Ansichten und dann ein offenes Ohr bei denjenigen, die weitgreifende Entscheidungen treffen können. Wünschenswert wäre es.

Linke Probleme

Wir Linken und links denkenden, aber sich nicht so bezeichnenden Menschen, haben Probleme in der Außendarstellung und somit der Überzeugung des Großteils der Menschen. Das zu bestreiten wäre weltfremd, das nur auf die Adressaten der Kritik und die „dumme Masse“ zu schieben, wäre vermessen. Nur, weil Themen und Ansichten „gut“ oder sinnvoll sind oder uns so erscheinen, werden diese noch lange nicht von anderen Menschen so gesehen, oder gar gelebt und verbreitet.

Nachfolgend ein paar Punkte, die Teile dieser Probleme – aus meiner Sicht – aufzeigen; und natürlich ineinander übergehen.

1. Ablehnung sachlicher Diskussionen
2. Fordern, statt fördern
3. Gruppendenken und Bubblementalität
4. Verwässerung von Begriffen
5. Pure Blockade & Selbstbespaßung
6. Hohes moralisches Ross
7. Gewalt(bereitschaft) und martialisches Auftreten
8. Bigotterie
9. Symptome statt Ursachen angehen
10. Zerstrittenheit

Die Liste ist natürlich nicht vollständig und die Punkte nur angerissen; es gibt noch utopische Dinge, wirtschaftliche und andere Aspekte, aber das sind ein paar derjenigen, die gerade mal raus wollten 😉

1. Ablehnung sachlicher Diskussionen

Da es vorhin als Thema aufkam, hier spontan ein paar Gedanken.

Immer wieder fällt mir auf, dass gerade Menschen, die sich dem weit linken Spektrum zuordnen (lassen), es nicht zu sachlichen Diskussionen kommen lassen (die weit rechten Leute verirren sich zum Glück seltener in meine Umgebung, sind aber sicher nicht besser, so sie denn auftauchen). Liegt es daran, dass man müde geworden ist? Liegt es daran, dass man sich für besser und besser informiert hält, als der Gegenüber? Hat man Angst vor einer Auseinandersetzung mit anderen Meinungen, weil man Angst hat, das eigene Bild könnte sich verändern, das man doch so mühsam aufgebaut hat? Wenn man die besseren Argumente hat, warum sollte man eine inhaltliche Auseinandersetzung scheuen? Denken verboten, solange es nicht die gewollten  Bahnen nimmt.

Möchtet ihr so behandelt werden? Überzeugt euch so ein Verhalten?

Wenn sich eine inhaltliche Auseinandersetzung dauernd wiederholt, warum setzt man nicht eine fundierte und überzeugende, quellen- und faktenbasierte Liste für diese Punkte auf, auf die man dann verweisen kann? Warum agiert man immer wieder mit Ablehnung der inhaltlichen Auseinandersetzung?

2. Fordern, statt fördern

Dieselben Menschen setzen häufig viele Dinge und/oder Wissen als gegeben voraus. Und damit meine ich nicht simple Grundzüge, wie dass Menschen gleiche Rechte haben sollten, egal, wen oder was sie lieben, welche Farbe ihre Haut hat, welcher Religion sie anhängen oder was für Geschlechtsorgane sie haben.

Von allen Menschen zu erwarten, dass sie sich umständlich und umfänglich informieren und dann natürlich die Meinung teilen (wobei natürlich zu beachten ist, dass Informationen aus vielen Quellen sich – und die sich dort Informierenden – auch noch per se disqualifizieren, wohingegen andere natürlich per se gut und glaubwürdig sind). Wissen voraussetzen und Nichtwissende als dumm (oder direkt als Nazi etc.) abzuspeisen ist natürlich eine sehr sinnvolle Methode der Sympathie- & Unterstützungsgewinnung und keineswegs abschreckend oder gar kontraproduktiv.

Das wird man ja wohl mal voraussetzen können!

Wenn man gleichzeitig aber die breite Masse – die man ja an sich erreichen müsste, da „die schweigende Mehrheit“ ja das oft genannte Problem ist – als dumm darstellt und von ihnen erst mal fordert, sich zu informieren, natürlich aus den richtigen Quellen, umfassend und hinterfragend, anstatt zu unterstützen, ist das sicher nicht hilfreich für die Gewinnung von Unterstützung.

Möchtet ihr so behandelt werden? Überzeugt euch so ein Verhalten?

3. Gruppendenken und Bubblementalität

In den extremen Meinungsecken ballen sich, egal um welches Thema es geht – also auch bei uns Linken jeder Couleur – Gruppen zusammen, in denen viele Ansichten als Dogma existieren, welches nie und nicht mal ansatzweise hinterfragt werden darf. Wer das doch tut, den muss man wegblocken und sich eher weiter radikalisieren, da diese Kritik der Dummen ja auch wieder Beleg dafür ist, dass man Recht hat. Jede Kritik von Außen – oder gar reflektierte Bedenken von Personen, die doch dazugehören – sorgt für Bestärkung von Innen, Abwehrreaktionen und weitere Abschottung.

Besonders sichtbar wird dies in sozialen Netzwerken, wo diese Prozesse schneller und radikaler ablaufen, als an anderen Orten unserer Welt.

Möchtet ihr klassisches „Wir vs. die Anderen“? Überzeugt euch so ein Verhalten?

4. Verwässerung von Begriffen

Klar kann man jeden als Masku, Antisemit, Nazi usw. geißeln und brandmarken, der andere Meinungen vertritt. Aber macht das Sinn? Verwässert das nicht erstens Begriffe, wie bei dem Jungen, der „Wolf“ schreit? Relativiert es nicht auch gleichzeitig die Taten & Opfer derjenigen, auf die diese Begriffe sicher zutreffen?

Ich halte diesen inflationären Gebrauch für gefährlich und schädlich.

Möchtet ihr, dass diese Begriffe nichts mehr wert sind und gleichzeitig deren eigentliche Bedeutung relativiert wird?

5. Pure Blockade & Selbstbespaßung

Yay! Wir haben mit mehreren 100 Leuten wieder mal 20 Vollidioten ihre Demo versaut, schlagt alle ein und lasst uns uns feiern, weil wir super sind!

Mal ehrlich. Wenn 20 (oder 100) Idioten mit alten Fahnen und dummen Sprüchen herumziehen, kriegen sie durch Blockaden mehr Aufmerksamkeit, als sie sonst kriegen würden und verdienen. Klar, gehen die Teilnehmer in die Hunderte oder Tausende, sieht die Sache anders aus, aber auch hier gilt für mich: Die Demo an sich ist Selbstbespaßung der Idioten und erreicht erst mal nicht viele Leute, sondern „nur“ sie selbst. Die Öffentlichkeit wird meist geschaffen durch Berichterstattung.

Ein buntes Straßenfest einige hundert Meter weiter sorgt dafür, dass die eigentliche Demo nur eine Randnotiz ist. Oder gar rein negativ auffällt in den Medien. Und zeigt direkt auch, dass man wirklih bunt, vielfältig und für Freiheit und Grundrechte ist, nicht nur gegen Idioten.

Wenn man aber in schwarz und vermummt, blockierend und aggressiv durch die Gegend zieht und zwischendurch tolle Parolen oder Gesänge von sich gibt, die Otto-Normalbürger gar nicht kapiert oder eher bedrohlich findet, was ist es dann mehr, als Selbstbespaßung? Wen und was erreicht es?

Möchtet ihr vor allem Spaß haben und eure Bubble auf die Straße tragen und in sich geschlossen halten, oder möchtet ihr was bewegen und Menschen erreichen, damit sich was ändert?

6. Hohes moralisches Ross

Immer wieder werden „Diskussionen“ sehr davon geprägt, dass von oben herab als „guter Mensch“ den bösen anderen gepredigt wird. Kommunikation auf Augenhöhe? Fehlanzeige. Wer auch nur den leisesten Verdacht erregt, er könnte Dinge, die nicht mit der Meinung der eigenen Bubble in Deckung zu bringen sind, befürworten oder auch nur bedenken, ist direkt eine persona non grata und sicher dumm und moralisch am Ende. Das geht natürlich passend einher mit den Punkten 1,3 und 4. Man selber ist ja der Gute, weil… ja weil man es halt ist!!11! Daher ist der andere natürlich zwangsläufig der Böse und es findet sich sicher ein passender Begriff – oder sonst halt eine Neuschöpfung, gerne aus dem amerikanischen – um ihn zu diffamieren.

Möchtet ihr gerne von „wissenden und moralisch überlegenen Menschen“ von oben herab behandelt werden? Überzeugt euch so ein Verhalten?

7. Gewalt(bereitschaft) und martialisches Auftreten

Ja, ich kenne und verstehe die Argumente, die für einen schwarzen Block bei Demos sprechen. Aber glaubt ihr ehrlich, dass das für viele der dort anzutreffenden Menschen der Grund für Vermummung und schwarze Massen ist? Kann es nicht sein, dass da so 1-3 Menschen bei sind, die im Rahmen dieser Masse einfach nur Krawall ohne Konsequenzen für sich wollen? Und dass das ganz vielleicht bei der Masse der Menschen nicht so super positiv ankommt, wenn Steine fliegen, es brennt und eine Horde schwarzgekleideter Vermummter Parolen gröhlt?
Möchtet ihr, dass an die Stelle von friedlichen Demonstrationen und Überzeugung von Menschen ein gewaltbereiter Mob tritt, der sich daran erfreut, martialisch aufzutreten, sich zu produzieren und seinen Spaß zu haben? Meint ihr, dass möchten die Leute nebenan auch und sie werden danach überzeugt für linke Ideen eintreten?

8. Bigotterie

Ihr seid für Vielfalt? Lebt sie und lasst andere Meinungen zu. Ihr seid strikt und extrem gegen Kapitalismus? Schmeisst euer iPhone weg, kauft keine Klamotten und lasst das große M weg. Ihr hasst Deutschland? Dann nutzt eure Reisefreiheit. Ihr seid für Grundrechte? Dann lasst Idioten demonstrieren und lasst Menschen ihre Meinung (oder überzeugt sie). Ihr seid gegen Nationalstaaten? Dann seid es auch bei Israel. Ihr seid gegen Verurteilung aufgrund der Herkunft? Dann lasst es auch bei Amerikanern, Russen oder Deutschen.

Und vor allem: Legt an euch selber höhere Maßstäbe, als an andere Menschen, nicht umgekehrt.

Wollt ihr von Menschen regiert und kontrolliert werden, die bigott sind? Mögt ihr unsere Regierung und die Kirchen mit all ihrer Bigotterie?

9. Symptome statt Ursachen angehen

Wenn ihr wirklich was bewegen wollt, dann macht es nicht wie die Politiker, die ihr dauernd dafür kritisiert und geht nur Symptome an. Klar ist es leichter und für das Selbstbild und die Selbstdarstellung ausreichend, miese Symptome anzuprangern, aber dumme oder feindliche Einstellungen haben auch Ursachen. Versucht diese zu ändern. Versucht die Gesellschaft und das herrschende System zu ändern, nicht nur immer Köpfe einer Hydra abszuschlagen.

Wollt ihr Krankheiten medikamentös behandeln oder vielleicht doch den langen Weg gehen und die Ursachen angehen und beseitigen?

10. Zerstrittenheit

Die linke Szene ist so dermaßen zerstritten durch Strömungen und Ansichten zu einzelnen Themen, dass es schmerzt. Was? Du bist pro Israel/Palästinenser? Pro/anti Amerika? Mit dir rede ich nicht, egal zu welchem Thema, du bist Teil des Bösen!

Dass sich andere Leute mit anderen Ansichten kaputt lachen ist nur logisch. Wo wegen Differenzen in Einzelpunkten die Zusammenarbeit in allen Punkten leidet oder gar unmöglich wird, kann man nichts erreichen.

Wollt ihr, dass jemand, der in einem Punkt eine andere Meinung hat, euch nicht unterstützt in anderen Punkten?

Kurz gesagt: Es ist in großen Teilen eher ein Problem der Kommunikation und des Handelns, als der Themen.

Ich möchte gerne Menschen, möglichst viele sogar, überzeugen. Wollt ihr das auch?

Geschenke & Pflichten – Sowas wie ein Rant

Von der Kommerzialisierung und Bürokratisierung des Schenkens – und einigen Folgen

Ob Weihnachten oder Valentinstag, ob Muttertag oder Geburtstag, Geschenke werden erwartet. Mal in Form von Blumen oder was Süßem für die Liebste oder den Liebsten, mal als Dank für die Mutter, mal weil es halt einfach so ist.

Wie passt das eigentlich zum Geschenk, das von Herzen kommen soll? Brauchen Geschenke von Herzen echt Termine? Ist das nicht die pure Bürokratisierung und Kommerzialisierung des Schenkens über fixe Zeitpunkte und schlechtes Gewissen, wenn man selber nicht die Notwendigkeit sieht und sich dem eigentlich lieber entziehen will?

Menschen überbieten sich, vergleichen sich, erwarten etwas. Die einen mehr, die anderen weniger. Einige fühlen sich schlecht, weil der Andere ja viel mehr verschenkt oder „Besseres“ oder weil sie es sich einfach nicht leisten können mitzumachen. Die Werbung trichtert allen bei den ersten drei Beispielen ein, dass es sich gehört, das man hier einfach schenkt, dass es einfach dazugehört. Ansonsten passiert es durch das eigene Umfeld. Streitigkeiten kommen auf, Stress baut sich auf, Rivalität, Wettbewerb. Alles wegen dieser Termine.

Enttäuschte Erwartungen und daraus resultierende Zwiste; schlechtes Gewissen, obwohl man vielleicht einfach nichts kaufen kann, weil die Kasse nichts hergibt; Entwertung des Geschenks an sich, weil es ja nur noch Ritual oder Pflicht ist und mitgenommen wird, gerne auch verbunden mit Gemecker über die Sinnlosigkeit desselben.

Sollten Geschenke nicht eher zwischendurch vergeben werden? Ohne Fahrplan? Als Zeichen, dass man an jemanden denkt, ihm dankt, ihn gern hat oder einfach etwas gefunden hat, was dieser Mensch vermutlich gerne mag?

Klar, auch dann kann es zu Vergleichen kommen, aber es gibt dann nicht den Zwang an einem bestimmten Datum etwas zu verschenken, weil da halt das Fest der Mutter, der eigenen Geburt (was ich bis heute skurril finde, meine Mutter, ja selbst mein Vater hat da mehr Anteil dran), das christliche Fest der Liebe (Haha…) oder der Tag der Blumenindust… äh, der Valentinstag der Liebenden ist?

Ich persönlich kann mich auch nicht von dieser anerzogenen – und durch dauernd auf uns alle einprasselnden Beeinflussung natürlich geförderten – Erwartungshaltung freisprechen, aber ich freue mich ehrlich gesagt mehr, wenn ich etwas „Außer der Reihe“ erhalte, als an vorgegebenen Terminen. Ich schenke auch lieber außerhalb, weil mir etwas für jemanden ins Auge springt oder derjenige es aus meiner Sicht einfach gerade verdient hat oder gebrauchen kann.

Und ich freue mich über kleine Gesten oder Kleinigkeiten oft mehr, als über große Geschenke.

Vielleicht bin ich (auch) in der Hinsicht komisch und kein Maßstab, aber ich finde sowohl dieses große Geschäft, als auch die Erwartungen und den Wettbewerb nicht angemessen für die tolle Geste, die Schenken für mich eigentlich ist oder sein sollte.

Der Valentinstag geht mir am Arsch vorbei, Weihnachten ist für mich irrelevant (und verlogen noch dazu), für meinen Geburtstag kann ich nicht wirklich etwas und wunder mich, dass ihn Leute feiern wollen (warum eigentlich nicht die Eltern feiern, gerade die Mutter? Warum nicht den Tag der Zeugung feiern, sondern dieses oft willkürliche Datum des „Beginns“ eines Lebens?) Und warum soll ich meiner Mutter nicht lieber zwischendurch was schenken, als am verdammten Muttertag?

Stellt ihr euch auch manchmal diese oder ähnliche Fragen? Stört ihr euch und macht dann doch mit, weil ihr andere nicht enttäuschen wollt, es sich gehört oder warum auch immer? Wie steht ihr zu diesen „Pflichttagen“? Zu Geschenken an sich?

Von Tugçe. Von Zivilcourage. Vom Hang zu Extremen

Ja, es ist schlimm, wenn ein junger Mensch sein Leben verliert.
Ja, es ist schlimm, wenn dies (auch) passiert weil dieser Mensch anderen Menschen helfen wollte.
Ja, natürlich ist dieser Fall ein Beispiel für Zivilcourage.
Ja, natürlich ist dieser Fall ein Beispiel für Gewalt mit schlimmen Folgen.
Aber ist er nicht auch ein Beispiel für den Hang zu Extremen in Bewertungen?
Ist er nicht auch ein Beispiel für Schnelllebigkeit? Für Schnellschüsse?
Haben wir irgendwo das Maß verloren?

Heilige oder Teufel. Ehrungen oder Vergessen. Hass oder Bewunderung. Klickstrecken und Petitionen.

Ist diese Überhöhung, die gerade viele Menschen forcieren nicht auch ein wenig merkwürdig? Ist sie teilweise vielleicht sogar schädlich? Ist Tugce wegen ihrer Zivilcourage gestorben oder hätte es nicht auch bei einem anderen, dummen Streit passieren können, dass sie unglücklich getroffen wird und fällt? Hätte ihre Zivilcourage weniger Wert gehabt, wäre sie nicht gestorben? Wäre dann auch berichtet worden? Wäre sie dann auch eine Heldin für viele Menschen? Oder braucht es auch hier das Extrem? Und die Verknüpfung von Extremen?

Tugce hat ihr Leben verloren. Das ist ein Fakt. Einer der wenigen klaren.

Zu schreiben, sie hätte es riskiert, wie ich es oft lese, sagt aus, dass Zivilcourage ein Risiko für das eigene Leben darstellt. Dauernd. Quasi ein der Zivilcourage immanentes Risiko. Und ein durch sie bewusst eingegangenes noch dazu. Ich kannte Tugce nicht und kann daher absolut nicht sagen, was in ihr vorgegangen sein mag, als sie losging, um zu helfen. Aber hatte sie wirklich im Kopf „gleich kann ich sterben, wenn ich mache, was ich jetzt vorhabe, wenn ich jetzt helfe“?
Ist Zivilcourage erst dann wirklich medienwirksam und wird gesellschaftlich honoriert, wenn ein Mensch dabei stirbt oder mindestens schwer verletzt wird? Was sagt das über unsere Gesellschaft aus, wenn Zivilcourage an sich nicht ausreicht, sondern erst ein Mensch sterben muss, dann aber direkt vom Mensch zum Heiligen wird? Was sagt es aus, dass auch viele Leute auf der Seite der Täter sind, wie man Verweisen auf Facebook und Screenshots entnehmen kann? Menschen, die die Schuld Tugce geben, hätte sie sich nicht eingemischt, wäre ja nichts passiert. Muss es heute immer in die Extreme gehen?

Wäre es ein passenderer medialer und gesellschaftlicher Umgang gewesen, sie für ihren Mut und ihre Zivilcourage zu loben, diese Situation aber von den indirekten Folgen zu trennen? Eine sachliche Debatte über mögliche Gründe für die entstandene Situation, statt der üblichen Extreme zuführen? Eine sachliche Debatte über die Notwendigkeit von Zivilcourage, über Entstehung und Vorhandensein von Gewalt? Im Allgemeinen und im Speziellen Fall?

Zivilcourage ist wichtig, solange es Menschen gibt, die sich über andere erheben wollen, andere unterdrücken wollen, andere berauben wollen. Zivilcourage sollte gefördert werden, es sollte gezeigt werden, wie man helfen und dennoch sein eigenes Risiko gering halten kann. Es sollte meiner Meinung nach nicht zu einer überzogenen Verknüpfung von Zivilcourage und dem eigenen Tod kommen, wobei das potentielle Risiko nicht verschwiegen werden darf. Methoden vermitteln, statt Angst und Heroisierung. Überzahl schaffen, Zeugen schaffen, Hilfe holen. Den Weg über die Schaffung von Helden und gleichzeitig auch von Angst vor eben dieser Art der Heldwerdung halte ich für kontraproduktiv. Die einen lockt vielleicht der „Ruhm“ und sie überschätzen sich, die anderen schreckt die Angst ab. Wollen wir das?
Ein Streit, der mit Gewalt und  nicht mit Worten ausgetragen wird, beinhaltet immer das Risiko, dass sich jemand, selbst wenn es unglücklich und ungewollt geschieht, schwer verletzt oder gar stirbt. Relativ unabhängig vom Auslöser der Situation.

Auch hier müssen wir als Gesellschaft uns hinterfragen. Wieso werden so viele Menschen gewalttätig? In welchen Situationen? Was können wir tun, um Häufigkeit und Intensität zu senken? Es wird  nie eine komplett gewaltfreie Welt geben, nie kompletten Schutz vor Gewalt. Und auch ein kleiner, an sich harmloser Schubs kann zum Tode führen, wenn ein Mensch unglücklich fällt. Aber wir alle sind gefragt, wenn es darum geht, das Risiko zu senken. Dies geschieht nicht durch Ehrungen oder Verteufelung.

Bei beiden Seiten, sowohl der Courage, als auch der Gewalt, kommen wir nicht umhin, in der Betrachtung tiefer einzusteigen. Bildung, Erziehung, Integration, Chancen, Wertschätzung, Werte. Alles Begriffe, die – nicht von heute auf morgen wirksam – auf Gewalt und Courage einwirken, sie beeinflussen. Und ich habe diese Begriffe bewusst offen gewählt. Wir brauchen Ideen, Diskussionen, Auseinandersetzung. Aber sachlich. Nachhaltig. Nicht laut, öffentlichkeitsheischend und kurzfristig.

Und wir müssen uns auch dahingehend hinterfragen, wie wir solche Dinge aufarbeiten; warum Medien und Gesellschaft immer schneller immer mehr und immer extremer reagieren auf Situationen und nicht erst versuchen, zu analysieren, sondern direkt auf der Stufe (extremer) Bewertungen einsteigen.

Vielleicht lernen wir dann etwas aus dem dem Tod von Tugce. Vielleicht reden wir auch schon in einer Woche kaum noch über sie, weil wir ein anderes Objekt gefunden haben, an dem wir unseren Hang zu Extremen ausleben. Wir werden es sehen.

Quote – Ein paar Gedanken

Die Quote ist ja quasi das Allheilmittel in Sachen Gleichberechtigung, glaubt man einigen Menschen. Sie wird den Frauen das verschaffen, nach dem sie jahrelang lechzen und von dem das Patriarchat sie abhält. Sie wird Freiheit und Gleichheit bringen und Sonnenschein und es wird sowieso alles besser. Für alle!

Mal im Ernst. Wem bringt die geforderte Quote für Frauen in Aufsichtsräten etwas und inwiefern ist eine solche Quote fair oder sinnvoll? Und wie passt die Quote zur ebenfalls so modernen Gender-Theorie? Wie können Personen beide Dinge befürworten?

Ich neige zu der Ansicht, dass die Quote erst mal denjenigen Frauen hilft, die eh schon zu den privilegierten Menschen gehören. Denjenigen, die bereits zu den oberen Prozent der Gesellschaft gehören, die auch jetzt schon ordentlich verdienen und auch heute schon etwas zu sagen haben. Sicher werden sich einige heutige Politikerinnen freuen dürfen, die dann in Aufsichtsräten landen, wo sie andere privilegierte Menschen des anderen Geschlechts ersetzen werden. Welch ein Coup für die Frauen!

Warum setzen wir uns nicht lieber für bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen allgemein ein? Für bessere Bezahlung in Bereichen, in denen vor allem Frauen tätig sind (und die eh klar unterbezahlt sind), wie Pflege und Erziehung? Warum wird Hausarbeit und Erziehung eigener Kinder nicht höher bewertet, sondern setzt auf Projekte, die plakativ sind, kein Geld kosten und eh schon gut situierten Personen helfen? Oh.

Wäre nicht – die allgemeine Sinnhaftigkeit und Fairness einer Quote einfach mal als gegeben annehmend, was ja gerne geschieht – eine Quote, die sich an der jeweiligen Branche oder gar Arbeitnehmerschaft im Betrieb orientiert, fairer und sinnvoller? Warum sollte ein Unternehmen, in dem fast nur Männer beschäftigt sind die selbe Quote erfüllen müssen, wie eins, in dem fast nur Frauen beschäftigt sind? Also z. B. Prozentwert des Geschlechts im Betrieb minus 20 Prozent als Mindestwert.

Und warum gilt nicht anders herum auch eine Quote für Männer in den Aufsichtsräten von Unternehmen, in denen sie unterrepräsentiert sind? Ist das das selbe Prinzip, wie bei Gleichstellungsbeauftragten, die nur weiblich sein dürfen? Mal ehrlich, wenn es strukturell durch eine Geschlechterhoheit in einem Unternehmen oder einer Branche gewisse Machtverhältnisse geben mag, gilt das dann nur für das eine Geschlecht? Sind Frauen dagegen immun, wo Männer so schlimm agieren?

Und wenn wir schon eine Quote fordern, warum dann gerade am Geschlecht festgemacht? Auch farbige Menschen oder solche mit Migrationshintergrund sind doch in Deutschland immer noch benachteiligt, oder irre ich mich da? Sollte da dann nicht auch das Allheilmittel genutzt werden?

Und wenn wir jetzt immer noch eine Quote für Frauen fordern, wie passt das eigentlich zur modernen Gender-Theorie, die ja sagt, dass Geschlechter nur konstruiert bzw. ganz anders sind, als nur Mann und Frau und rein biologisch betrachtet? Wenn jetzt die Hälfte eines Aufsichtsrates, der nur aus Männern besteht (alt und weiß und heterosexuell versteht sich), sich jetzt als Frau definieren, was unterstützt man denn dann politisch korrekt? Die Quote oder die Gender-Theorie? Beides wäre ja dann doch schwierig unter einen Hut zu bringen.

Ich bin übrigens der Meinung, dass Vielfalt Unternehmen durchaus gut tut. Ich bin aber, es könnte dem ein oder anderen Leser aufgefallen sein, kein Freund der Quote. Nicht, weil ich gegen Gleichberechtigung bin, nicht, weil ich meine hart erkämpften Pfründe und Posten verschwinden sehe. Nein. Weil ich sie für nicht zielführend, für die meisten Frauen nicht hilfreich und allgemein für nicht fair und unnötig halte.

Update 16:40 Uhr: der @faz_donalphonso hat heute auch zur Quote geschrieben: http://blogs.faz.net/stuetzen/2014/11/29/die-frauenquote-nach-marquis-de-sade-4755/

Service – Eine Polemik

Service.

Wenn ihr ihn braucht, muss er sofort verfügbar sein, er muss kompetent, umfassend, freundlich, geduldig und zu euren  Gunsten erfolgen. Und vor allem: er darf nichts kosten, eigentlich solltet ihr sogar eine Gutschrift erhalten. Außerdem heißt Service natürlich, dass der Knecht euch, den Königen, alles möglich macht, sonst muss halt die nächsthöhere Instanz ran!

Klar, ihr seid nicht Otto-Normal-Kunde, euer Anliegen ist besonders, euer Anliegen eilt, ihr seid langjährige, treue Kunden, ihr sichert seinen Job. Hätte er was gelernt, würde er auch fordern können, so verschwendet er nur eure kostbare Zeit, während er doch so viel davon hat und eigentlich nur auf euch warten sollte. Außerdem habt ihr immer andere solcher Idioten an der Strippe, immer neue! Schlimm!

Und ausgerechnet ihr landet auch immer bei diesem unfähigen, unfreundlichen Kretin ohne jede Entscheidungskompetenz. Das euch! Die ihr doch Könige seid! Möge der Wurm doch endlich seinen Chef holen, der euch den roten Teppich ausrollen und im Staube winseln möge, ob eurer Herrlichkeit.

Nichts kann er! Er müsste euch doch eigentlich Geld geben und euch danken, dafür, dass er sich im Glanze eurer Stimme und eurer Schreiben sonnen darf, er der er doch nichts kann und von euch dennoch so fürstlich entlohnt wird!

Beschweren werdet ihr euch! Schließlich seid ihr wer und nicht einfach nur irgendwer! Sofort den Namen her! Und den Chef! Besser dessen Chef! Am besten Gestern!

Nicht? Ihr seid da ganz anders? Ihr seid stets freundlich, zuvorkommend, verständnisvoll, vorbereitet, geduldig, geht wertschätzend mit eurem Gegenüber um, auf Augenhöhe?

Überlegt mal kurz, wie ihr wirklich mit dem Servicebearbeiter umgeht, der euch sagt, dass die Bahn ausfällt, mit dem Bearbeiter, der euch sagt, dass eine Gutschrift nicht möglich ist oder, dass ihr keinen Onlinerabatt für Neukunden bekommt, weil ihr weder Online bestellt, noch Neukunde seid. Wie ihr reagiert, wenn dieser Idiot von euch Daten zu euren Verträgen haben will, die er doch eh sieht! Wo ihr doch so in Eile und wichtig und sowieso unterwegs seid.

Überlegt mal kurz, wie ihr reagiert, wenn die Warteschleife mehrere Minuten dauert, wenn der Bearbeiter nicht freudig darauf reagiert, wenn ihr ihn dafür anraunzt, was andere verbockt haben, wenn euer Netz mal ein paar Stunden kaum oder nicht funktioniert. Wenn euer Anschluss gesperrt wurde, weil ihr nicht gezahlt habt und er euch sagt, Entsperrung ist nicht drin ohne Zahlung. Wenn er euch erklärt, dass auch für euch Verträge gelten, auch für euch, wie für Müller von nebenan, Regeln gelten.

Überlegt mal, wie oft ihr nach Gesprächen oder Mails einfach mal so ein positives Feedback abgebt – Feedbackbögen ausfüllt, äußerst zufrieden anklickt, eine Dankesmail schreibt – und wie oft ihr bei Nichtigkeiten Beschwerden abgebt.

Überlegt mal, in welchem Ton ihr mit wem sprecht, was ihr fordert, was ihr erwartet, für euch gebührend haltet und was ihr dafür bereit seid zu geben, wo doch schon das iPhone so teuer ist…

Vielleicht seid ihr ja wirklich anders, vielleicht denkt ihr es aber auch nur. Vielleicht denken einige von euch jetzt wirklich nach, vermutlich viele nicht. Und ganz vielleicht werden einige von euch ab jetzt sogar anders agieren. Wer weiß. Ich werde es teilweise mitbekommen. In unserem nächsten Gespräch oder Schriftwechsel.

 

 

Vom Bombergate und dem Umgang damit

Ich wollte es eigentlich nicht verbloggen, aber gut, hier meine paar Cent zum #Bombergate, da auf Twitter leider von einigen nur versucht wird, abzulenken oder zu diffamieren.

Es ist auf mehreren Ebenen erschütternd und traurig, was da passiert. Fangen wir am Anfang an.

Eine vermummte Person macht auf Femen (selbst die haben sich teilweise distanziert) und schreibt sich eine Botschaft auf den nackten Oberkörper. Eine Botschaft die Bomber Harris dankt. Dumm dabei, dass Tattoos und weitere Indizien auf einem Vergleichsbild recht schnell deutlich machen, dass es sich um Anne Helm handelt. Die Verteidigung ihrer Anhänger (Sie schweigt größtenteils) wechselt dann auch von Leugnung zu Aussagen wie „Sie ist vermummt, also will sie anonym bleiben, respektiert das“ oder einfach der Bestätigung, dass Bomber Harris ja nur Gutes getan hat und Lob verdient. Wohlgemerkt erst, als der Versuch, abzustreiten nicht mehr tragbar war. Flexibel im Diskutieren sind sie ja, das muss man ihnen lassen und da kommen wir auch gleich nochmal anhand andere Dinge zu. Anne Helm selber hat dann wohl auch noch den Bundesvorstand belogen, dieser spielt auch noch seine unfeine Rolle.

Wir haben also Lügen, eine unfeine Aussage (btw: hätte Helm da gesagt:“ja, bin ich und es sollte nur den Dank für die Befreiung von den Nazis ausdrücken“, wären wohl deutlich weniger Austritte und Aufregung die Folge gewesen. Aber gut. Hat sie nicht. Warum auch immer.)und abrupt wechselnde Rechtfertigungen dafür.

Nächste Eskalationsstufe. Auftritt Schramm, Höfinghoff und Freunde. Feixend und Johlend mit bekannten Parolen haut man in die von Helm geschlagene Kerbe, nennt es Twitterdemo. Kritik daran führt dazu, dass man zum Eichmann-Fan und Nazi gemacht wird. Wenn man das wird, weil man das Sterben Tausender Zivilisten nicht gutheisst und schon gar nicht das eklige Abfeiern darauf, dann bin ich wohl so einer. Einige Leute haben Screenshots gesammelt, Anzeigen würden mich nicht wirklich verwundern, gegen Anne Helm ist bereits mindestens eine gestellt worden. Der Account von Schramm ging dann auch schnell in den geschützten Modus. Pietätlosigkeiten die potentiell noch weitergingen waren also nicht mehr nachvollziehbar.

Hier haben wir dann also Freude über Tote und das Hoffen auf weitere Bomben auf Deutschland. Nicht nur im Kontext extrem widerlich, sondern ganz allgemein. Rechtfertigungen gingen von vernünftigen historischen Ausführungen (die aber gar nicht das Problem darstellen, weswegen der Blogpost leider am Ziel vorbeiging) über Beleidigungen hin zu der Variante:“Wer sich nicht aktiv wehrt, ist Mittäter!“. Ok. So kann man Kinder und Rentner, die sterben vielleicht vor sich rechtfertigen, aber nicht vor den meisten Menschen, die mitdenken und -fühlen. Konsequent weitergedacht müsste am 6.8. eine Hiroshimaparty steigen. Aber vielleicht sind Japanische Mittäter bessere Menschen gewesen, wir werden sehen. Fragt einfach bei den Piraten eures Vertrauens in Berlin oder sonstwo nach.

Kurz: Stellt euch nicht so an, es ging nur gegen Nazis, war unvermeidbar und voll schön. Werft Bomben, macht Deutschland zu Ackerland. Parolen, die ich bei 16jährigen peinlich finden würde, sind für politisch agierende Menschen und die zugehörige Partei untragbar. Da wird doch sicher der Bundesvorstand reagieren.

Nein. Der wird krank, seine bessere Hälfte verteidigt dann Schramm, grob gesagt so:“Die Julia ist töfte und ein guter Freund, das ist schon ok so“. Als dann mal was vom BuVo kommt, mittlerweile sind einige besonnene, vernünftige Personen ausgetreten, haben dies vor oder haben zumindestens angekündigt, für die Europawahl #keinenHandschlag zu tun, meldet sich der BuVo endlich.

Und berichtet an sich nur, dass Helm bedroht wird und das das nicht geht und man zu ihr steht. Natürlich geht das nicht, keine Frage (wenn es stimmt, mittlerweile weiß man ja nicht mehr, wem man was glauben kann). Aber natürlich ist das einfach plumpes Derailing.

Das mit dem Mollie in Berlin ist dann nur noch ein weiterer Tropfen, der ja fast schon untergeht. Aber gut, der Vollständigkeit halber: War nur symbolisch. Wichtige Geste. Vielleicht etwas übers Ziel. Sowas las man u.A. dazu.

Wir haben also mehrere politisch aktive Personen (auf Listen, in Fraktion…) innerhalb einer Partei, die nicht nur ungestraft, sondern mit Unterstützung vom Bundesvorstand lügen, Bombardements feiern und fordern und deren Kritiker, wie so gerne und oft, einfach schnell und laut als Nazis diffamiert werden. Einige zugehörige Piraten, wie z.B. Delius, freuen sich offen über Austritte von Personen, diese wären dann ja eh keine echten Piraten. Im Ernst? Die ganzen Leute, die austreten, waren nie Piraten? Diejenigen, die sofort Nazi schreien und Tote feiern schon? Ok. Dann waren Piraten immer anders, als ich dachte.

Zum Glück formiert sich auch Widerstand (ok, in Berlin, verständlicherweise eher still, da würde ich auch Sorge haben, zum Mobbingopfer zu werden) innerhalb der Partei. Was der noch retten kann und wie, ist eine interessante Frage.

Was haben wir also letztendlich?

Ein absolutes Desaster.

Helm hätte es durch die (vermutlich geschönte)Wahrheit direkt entschärfen können, danach wurde fleißig ekliges Öl zugegossen, die Unterstützer mobilisiert, Accounts geschützt und der BuVo aktiv. Auf einmal gab es (wie so oft, irgendwie tauchen selten Belege auf, aber gut…) Drohungen und Beleidigungen (wohlgemerkt, Eichmannvergleiche, Nazititulierungen usw waren ausdrücklich nicht gemeint, wurden nicht mal erwähnt, es geht um die gegen die Protagonistinnen als Reaktion auf deren Verhalten ausgesprochenen) und alles ging hoch. Wir haben Politik 1.0. Von oben herab legitimiert, Seilschaften, auf persönlichen Freundschaften beruhende Stellungnahmen und leeres Gewäsch.

Es wurde derailt (Funfact: derailing ist im Kontext ein neues Wort, nicht mal in Wikipedia zu finden [letztendlich ist das nur der Versuch fachlich und intelligent zu wirken, man kann auch ablenken sagen, wenn man mag], einer der Standardvorwürfe, neben victimblaming und relativieren, aus der linksfeministischen Szene), was das Zeug hält, es wurden zivile Opfer zu Tätern stilisiert, es wurden deren Tode relativiert und dann machte man halt das übliche Blocken oder protecten und, wie erwähnt, dass lautstarke diffamieren Andersdenkender. Vom oben erwähnten Wechsel der Verteidigungsstrategie ganz abgesehen. Kreativ sind sie ja, wenn sie die Meinungshoheit laut behaupten wollen. Setzen bewusst die rhetorischen Mittel ein, die sie sonst geifernd anprangern. Damit ihre Position als gut dasteht und jeder Kritiker braun erscheint.

Das Problem ist:

Die Kritiker sind keine Nazis. Nicht einmal nahe dran. Die Kritiker sind Menschen. Denkende und fühlende Menschen, die sich ebenso freuen, dass Deutschland (und die Welt) von den Nazis befreit wurde. Die froh sind, dass wir in einem ziemlich freien Land leben, dass es sonst sicher nicht wäre. Die teils in der Piratenpartei aktiv an moderner Politik mitarbeiten oder dies bislang getan haben. Aber, wenn man laut genug Nazi ruft, werden einige hellhörig (was erstmal gut ist) und reagieren sofort. Kopf aus, Beissreflex an.

Die Kritiker sind Menschen, wie ich, die es beschämend finden, wenn erwachsene Menschen solches Zeug sagen und die sich von der Partei abwenden, weil es nicht der erste Vorfall aus dieser Richtung war und weil wieder alles gedeckt wird und nichts passiert. Menschen, die sich jetzt beschimpfen lassen dürfen, weil sie gegen eklige Äußerungen vorgehen und vom Bundesvorstand fordern, nicht seine persönlichen Seilschaften mit einer Stellungnahme wie aus der Feder eines alteingesessenen Politikers und per Derailing zu verteidigen. Menschen, die mit Herzblut maloch(t)en für Piraten sind darunter, die jetzt sehen, wie linksradikale Chaoten alles in Stücke hacken.

Und jetzt dürft ihr mich wieder zum Eichmann-Fan machen, oder vielleicht seid ihr ja noch kreativer, wer weiss, dürft mich braun nennen, um den heissen Brei herumreden, andere Baustellen aufmachen, Kleinigkeiten im Text, die ihr sicherlich findet, hochstilisieren, die linke Moralkeule schwingen. Fühlt euch frei. Nur: Ihr werdet es nicht schaffen, das Schönzureden, was gesagt wurde, auch, wenn ihr euch windet und anstrengt.