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Mal wieder ’ne Flagge bei den Piraten

Als das letzte Mal was mit ner Flagge auftauchte, hatte ich das hier ein wenig in Textform gegossen, jetzt ist es soweit:

Es macht mal wieder eine Flagge Stress bei den Piraten.

Wie so oft bei Stress bei uns zu einem dummen Termin, wie so oft bei Stress bei uns auf eine unnötige Art und wie so oft bei uns bei Stress wegen einer unnötigen Sache. Es geht also um die oben verlinkte Flagge, die im offiziellen Shop der Piraten nicht mehr gehandelt werden darf.

Ob da jetzt jemand extra so agiert, um Andere in offene Messer laufen zu lassen oder ob Andere zu wenig Fingerspitzengefühl in der Reaktion aufweisen oder gar ihre böse rechte Ader zeigen? Mindestens die letzte Variante halte ich für völligen Humbug. Jedenfalls empört man sich in allen Varianten – und natürlich geben die meisten Leute wieder mal keinen Meter Boden preis…

Ich persönlich finde es richtig, dass diese Flagge nicht mehr im offiziellen Piraten-Shop verkauft wird.

Das hat weder den Hintergrund, dass ich was gegen Piraten habe, noch gegen Antifaschismus, noch gegen die Optik der Flagge an sich (hübsch ist sie ja durchaus mit dem netten Orange).

Es wird aber hier bewusst die Symbolik eines Labels (Antifa) genutzt, das meiner Meinung nach nicht in einem offiziellen Shop einer Partei in dieser Art verkauft werden sollte. Nicht umsonst stehen Teile der autonomen Randbereiche , die unter diesem Label agieren, unter Beobachtung und fallen wegen ihres Auftretens und ihres Verhältnisses zu Gewalt auch oft genug negativ auf (siehe auch hier in Kurzform einige Aspekte linker Probleme). Durch Ihre Heterogenität ist pauschale Kritik an „der Antifa“ sicher nicht sinnvoll, aber aus demselben Grund auch kein pauschales Gemeinmachen mit dieser als politische Partei. Allein das sollte also zur Ablehnung des Verkaufs im offiziellen Shop einer Partei imo reichen. Es handelt sich hier nicht um einen Verein / eine NGO, die komplett und vorbehaltlos unterstützenswert ist, wenn man als Piratenpartei agiert. Bei solchen Vereinen und NGOs allgemein sehe ich es als legitim an, im Rahmen einer Kooperation auch im offiziellen Shop Dinge mit Bezug zu Piraten und XY zu vertreiben.

Die gewählte Symbolik steht aber insgesamt beileibe nicht nur für Piraten und Antifaschismus oder Piraten und eine Gruppe, die auf zu Piraten passende Art zu Piraten passende Ziele verfolgt, sondern bewusst für eine Gruppe, der auch eine ordentliche Teilmenge angehört, die Ziele auf eine Art verfolgt, die nicht zu einer ernstzunehmenden, demokratischen politischen Partei passt. Auch gehören dieser Gruppe ordentliche Teilmengen an, die den Staat komplett ablehnen, Gewalt für legitim halten usw., was sie durchaus als eigene Meinung haben können, was aber einer politischen Partei einfach nicht zu Gesicht steht.

Ebenfalls hinterfragen kann man die Symbolik der schwarzen (und wohl bewusst nicht der roten) Flagge; wieviel Anarchie ist mit der Linie einer im heutigen Deutschland angesiedelten politischen Partei im allgemeinen und den Piraten speziell vereinbar (das ist übrigens bewusst keine Aussage darüber, inwiefern oder wieweit Anarchie nicht vielleicht ein interessanter Ansatz sein könnte)?

Zuletzt stört mich sogar auf eine Art auch der genutzte Text „Antifaschistische Piraten“, da er diese „antifaschistischen Piraten“ als Teilmenge der Piraten erscheinen lässt. Jeder Demokrat, der noch dazu Pirat ist, ist meiner Meinung nach automatisch auch gegen Faschismus.

Diese Abgrenzung ist daher nicht nur unnötig, sondern sorgt zusätzlich für zwei Dinge:

– dass bei Anderen das Bild vorhandener faschistischer (oder mindestens nicht gegen Faschismus gerichteter) Piraten entsteht und,

– dass man demjenigen, der aus den vorher genannten (oder potentiellen anderen) Gründen die Fahne ablehnt, den Vorwurf machen kann, gegen Antifaschismus zu sein.

„Piraten gegen Faschismus – Überall!“

wäre in diesem Falle einfach imo deutlich besser für eine Flagge und schafft auch keine Potentiale für Stress. Weder gewollt und vollkommen bewusst, noch kollateral. Dazu dann halt auch nicht die Symbolik der Antifa, sondern reine Piratensymbolik.

Antifaschist zu sein, heißt nun einmal nicht, Symbole aller antifaschistischen Gruppen, welcher Couleur auch immer, in einem offiziellen Parteishop verkaufen zu müssen. Aber Vorstand einer Partei zu sein, heißt, für die offiziellen Dinge in dieser Partei Verantwortung zu tragen und da hätte ich letztendlich dieselbe Entscheidung getroffen.

Eine Flagge in der Art, wie diese hier wäre doch kein Problem, oder? Man kann auch gerne aus dem „Rechtsextremismus“ ein „Faschismus“ machen und alle von mir oben angeführten Kritikpunkte wären von vorneherein obsolet gewesen. Oder z.B. das von mir bereits damals vorgeschlagene „Piraten gegen Faschismus – Überall!“ Ich persönlich halte daher die Entscheidung des BuVo für nachvollziehbar und korrekt. Ob man das Thema mehr im Hintergrund und kommunikativer hätte lösen können? Keine Ahnung. Bei mir kam es erst durch diesen Tweet an. Und im späteren Mumble später kam bei mir die Argumentation auch größtenteils gut an.

Kurz:

Die Aufregung, dass die Fahne nicht mehr verkauft werden darf, ist imo entweder bewusst oder unbewusst übertrieben und Fehl am Platze. Piraten sind antifaschistisch. Punkt.

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Linke Probleme

Wir Linken und links denkenden, aber sich nicht so bezeichnenden Menschen, haben Probleme in der Außendarstellung und somit der Überzeugung des Großteils der Menschen. Das zu bestreiten wäre weltfremd, das nur auf die Adressaten der Kritik und die „dumme Masse“ zu schieben, wäre vermessen. Nur, weil Themen und Ansichten „gut“ oder sinnvoll sind oder uns so erscheinen, werden diese noch lange nicht von anderen Menschen so gesehen, oder gar gelebt und verbreitet.

Nachfolgend ein paar Punkte, die Teile dieser Probleme – aus meiner Sicht – aufzeigen; und natürlich ineinander übergehen.

1. Ablehnung sachlicher Diskussionen
2. Fordern, statt fördern
3. Gruppendenken und Bubblementalität
4. Verwässerung von Begriffen
5. Pure Blockade & Selbstbespaßung
6. Hohes moralisches Ross
7. Gewalt(bereitschaft) und martialisches Auftreten
8. Bigotterie
9. Symptome statt Ursachen angehen
10. Zerstrittenheit

Die Liste ist natürlich nicht vollständig und die Punkte nur angerissen; es gibt noch utopische Dinge, wirtschaftliche und andere Aspekte, aber das sind ein paar derjenigen, die gerade mal raus wollten 😉

1. Ablehnung sachlicher Diskussionen

Da es vorhin als Thema aufkam, hier spontan ein paar Gedanken.

Immer wieder fällt mir auf, dass gerade Menschen, die sich dem weit linken Spektrum zuordnen (lassen), es nicht zu sachlichen Diskussionen kommen lassen (die weit rechten Leute verirren sich zum Glück seltener in meine Umgebung, sind aber sicher nicht besser, so sie denn auftauchen). Liegt es daran, dass man müde geworden ist? Liegt es daran, dass man sich für besser und besser informiert hält, als der Gegenüber? Hat man Angst vor einer Auseinandersetzung mit anderen Meinungen, weil man Angst hat, das eigene Bild könnte sich verändern, das man doch so mühsam aufgebaut hat? Wenn man die besseren Argumente hat, warum sollte man eine inhaltliche Auseinandersetzung scheuen? Denken verboten, solange es nicht die gewollten  Bahnen nimmt.

Möchtet ihr so behandelt werden? Überzeugt euch so ein Verhalten?

Wenn sich eine inhaltliche Auseinandersetzung dauernd wiederholt, warum setzt man nicht eine fundierte und überzeugende, quellen- und faktenbasierte Liste für diese Punkte auf, auf die man dann verweisen kann? Warum agiert man immer wieder mit Ablehnung der inhaltlichen Auseinandersetzung?

2. Fordern, statt fördern

Dieselben Menschen setzen häufig viele Dinge und/oder Wissen als gegeben voraus. Und damit meine ich nicht simple Grundzüge, wie dass Menschen gleiche Rechte haben sollten, egal, wen oder was sie lieben, welche Farbe ihre Haut hat, welcher Religion sie anhängen oder was für Geschlechtsorgane sie haben.

Von allen Menschen zu erwarten, dass sie sich umständlich und umfänglich informieren und dann natürlich die Meinung teilen (wobei natürlich zu beachten ist, dass Informationen aus vielen Quellen sich – und die sich dort Informierenden – auch noch per se disqualifizieren, wohingegen andere natürlich per se gut und glaubwürdig sind). Wissen voraussetzen und Nichtwissende als dumm (oder direkt als Nazi etc.) abzuspeisen ist natürlich eine sehr sinnvolle Methode der Sympathie- & Unterstützungsgewinnung und keineswegs abschreckend oder gar kontraproduktiv.

Das wird man ja wohl mal voraussetzen können!

Wenn man gleichzeitig aber die breite Masse – die man ja an sich erreichen müsste, da „die schweigende Mehrheit“ ja das oft genannte Problem ist – als dumm darstellt und von ihnen erst mal fordert, sich zu informieren, natürlich aus den richtigen Quellen, umfassend und hinterfragend, anstatt zu unterstützen, ist das sicher nicht hilfreich für die Gewinnung von Unterstützung.

Möchtet ihr so behandelt werden? Überzeugt euch so ein Verhalten?

3. Gruppendenken und Bubblementalität

In den extremen Meinungsecken ballen sich, egal um welches Thema es geht – also auch bei uns Linken jeder Couleur – Gruppen zusammen, in denen viele Ansichten als Dogma existieren, welches nie und nicht mal ansatzweise hinterfragt werden darf. Wer das doch tut, den muss man wegblocken und sich eher weiter radikalisieren, da diese Kritik der Dummen ja auch wieder Beleg dafür ist, dass man Recht hat. Jede Kritik von Außen – oder gar reflektierte Bedenken von Personen, die doch dazugehören – sorgt für Bestärkung von Innen, Abwehrreaktionen und weitere Abschottung.

Besonders sichtbar wird dies in sozialen Netzwerken, wo diese Prozesse schneller und radikaler ablaufen, als an anderen Orten unserer Welt.

Möchtet ihr klassisches „Wir vs. die Anderen“? Überzeugt euch so ein Verhalten?

4. Verwässerung von Begriffen

Klar kann man jeden als Masku, Antisemit, Nazi usw. geißeln und brandmarken, der andere Meinungen vertritt. Aber macht das Sinn? Verwässert das nicht erstens Begriffe, wie bei dem Jungen, der „Wolf“ schreit? Relativiert es nicht auch gleichzeitig die Taten & Opfer derjenigen, auf die diese Begriffe sicher zutreffen?

Ich halte diesen inflationären Gebrauch für gefährlich und schädlich.

Möchtet ihr, dass diese Begriffe nichts mehr wert sind und gleichzeitig deren eigentliche Bedeutung relativiert wird?

5. Pure Blockade & Selbstbespaßung

Yay! Wir haben mit mehreren 100 Leuten wieder mal 20 Vollidioten ihre Demo versaut, schlagt alle ein und lasst uns uns feiern, weil wir super sind!

Mal ehrlich. Wenn 20 (oder 100) Idioten mit alten Fahnen und dummen Sprüchen herumziehen, kriegen sie durch Blockaden mehr Aufmerksamkeit, als sie sonst kriegen würden und verdienen. Klar, gehen die Teilnehmer in die Hunderte oder Tausende, sieht die Sache anders aus, aber auch hier gilt für mich: Die Demo an sich ist Selbstbespaßung der Idioten und erreicht erst mal nicht viele Leute, sondern „nur“ sie selbst. Die Öffentlichkeit wird meist geschaffen durch Berichterstattung.

Ein buntes Straßenfest einige hundert Meter weiter sorgt dafür, dass die eigentliche Demo nur eine Randnotiz ist. Oder gar rein negativ auffällt in den Medien. Und zeigt direkt auch, dass man wirklih bunt, vielfältig und für Freiheit und Grundrechte ist, nicht nur gegen Idioten.

Wenn man aber in schwarz und vermummt, blockierend und aggressiv durch die Gegend zieht und zwischendurch tolle Parolen oder Gesänge von sich gibt, die Otto-Normalbürger gar nicht kapiert oder eher bedrohlich findet, was ist es dann mehr, als Selbstbespaßung? Wen und was erreicht es?

Möchtet ihr vor allem Spaß haben und eure Bubble auf die Straße tragen und in sich geschlossen halten, oder möchtet ihr was bewegen und Menschen erreichen, damit sich was ändert?

6. Hohes moralisches Ross

Immer wieder werden „Diskussionen“ sehr davon geprägt, dass von oben herab als „guter Mensch“ den bösen anderen gepredigt wird. Kommunikation auf Augenhöhe? Fehlanzeige. Wer auch nur den leisesten Verdacht erregt, er könnte Dinge, die nicht mit der Meinung der eigenen Bubble in Deckung zu bringen sind, befürworten oder auch nur bedenken, ist direkt eine persona non grata und sicher dumm und moralisch am Ende. Das geht natürlich passend einher mit den Punkten 1,3 und 4. Man selber ist ja der Gute, weil… ja weil man es halt ist!!11! Daher ist der andere natürlich zwangsläufig der Böse und es findet sich sicher ein passender Begriff – oder sonst halt eine Neuschöpfung, gerne aus dem amerikanischen – um ihn zu diffamieren.

Möchtet ihr gerne von „wissenden und moralisch überlegenen Menschen“ von oben herab behandelt werden? Überzeugt euch so ein Verhalten?

7. Gewalt(bereitschaft) und martialisches Auftreten

Ja, ich kenne und verstehe die Argumente, die für einen schwarzen Block bei Demos sprechen. Aber glaubt ihr ehrlich, dass das für viele der dort anzutreffenden Menschen der Grund für Vermummung und schwarze Massen ist? Kann es nicht sein, dass da so 1-3 Menschen bei sind, die im Rahmen dieser Masse einfach nur Krawall ohne Konsequenzen für sich wollen? Und dass das ganz vielleicht bei der Masse der Menschen nicht so super positiv ankommt, wenn Steine fliegen, es brennt und eine Horde schwarzgekleideter Vermummter Parolen gröhlt?
Möchtet ihr, dass an die Stelle von friedlichen Demonstrationen und Überzeugung von Menschen ein gewaltbereiter Mob tritt, der sich daran erfreut, martialisch aufzutreten, sich zu produzieren und seinen Spaß zu haben? Meint ihr, dass möchten die Leute nebenan auch und sie werden danach überzeugt für linke Ideen eintreten?

8. Bigotterie

Ihr seid für Vielfalt? Lebt sie und lasst andere Meinungen zu. Ihr seid strikt und extrem gegen Kapitalismus? Schmeisst euer iPhone weg, kauft keine Klamotten und lasst das große M weg. Ihr hasst Deutschland? Dann nutzt eure Reisefreiheit. Ihr seid für Grundrechte? Dann lasst Idioten demonstrieren und lasst Menschen ihre Meinung (oder überzeugt sie). Ihr seid gegen Nationalstaaten? Dann seid es auch bei Israel. Ihr seid gegen Verurteilung aufgrund der Herkunft? Dann lasst es auch bei Amerikanern, Russen oder Deutschen.

Und vor allem: Legt an euch selber höhere Maßstäbe, als an andere Menschen, nicht umgekehrt.

Wollt ihr von Menschen regiert und kontrolliert werden, die bigott sind? Mögt ihr unsere Regierung und die Kirchen mit all ihrer Bigotterie?

9. Symptome statt Ursachen angehen

Wenn ihr wirklich was bewegen wollt, dann macht es nicht wie die Politiker, die ihr dauernd dafür kritisiert und geht nur Symptome an. Klar ist es leichter und für das Selbstbild und die Selbstdarstellung ausreichend, miese Symptome anzuprangern, aber dumme oder feindliche Einstellungen haben auch Ursachen. Versucht diese zu ändern. Versucht die Gesellschaft und das herrschende System zu ändern, nicht nur immer Köpfe einer Hydra abszuschlagen.

Wollt ihr Krankheiten medikamentös behandeln oder vielleicht doch den langen Weg gehen und die Ursachen angehen und beseitigen?

10. Zerstrittenheit

Die linke Szene ist so dermaßen zerstritten durch Strömungen und Ansichten zu einzelnen Themen, dass es schmerzt. Was? Du bist pro Israel/Palästinenser? Pro/anti Amerika? Mit dir rede ich nicht, egal zu welchem Thema, du bist Teil des Bösen!

Dass sich andere Leute mit anderen Ansichten kaputt lachen ist nur logisch. Wo wegen Differenzen in Einzelpunkten die Zusammenarbeit in allen Punkten leidet oder gar unmöglich wird, kann man nichts erreichen.

Wollt ihr, dass jemand, der in einem Punkt eine andere Meinung hat, euch nicht unterstützt in anderen Punkten?

Kurz gesagt: Es ist in großen Teilen eher ein Problem der Kommunikation und des Handelns, als der Themen.

Ich möchte gerne Menschen, möglichst viele sogar, überzeugen. Wollt ihr das auch?

Die Antifa und die Piraten

Ich wollte ja eigentlich still bleiben, schließlich bin ich nicht mal Mitglied der Piratenpartei. Ich wollte ja eigentlich still bleiben, schließlich haben schon andere geredet/geschrieben. Ich wollte ja eigentlich still bleiben, schließlich wurde die Fahne ja gestattet. Ich wollte ja eigentlich still bleiben…

Ich wollte eigentlich, aber nun melde ich mich doch zu Wort.

Beim #bpt141 der Piraten in Bochum wurde über Kandidaten für die Europawahl entschieden. An sich. Wie von mir bereits befürchtet, gab es ein Pendant zum berühmten Zeitreiseantrag, das die eigentliche Wahl überdeckte. Leider nicht so lustig und selbstironisch, sondern eher Stoff für Debatten, aber ok, immerhin polarisierend.

Ich habe mittlerweile mehrere Blogposts zum Thema gelesen, meine TL bei Twitter bringt auch immer wieder Meinungen ein und es gibt ja anscheinend auch ein „lustiges“ Antifa-Mem mittlerweile.

Was mich unter Anderem ärgert, ist die Art des Schwarz-Weiß-Denkens, die bezüglich der Fahne auftaucht. Was mich auch ärgert, ist, dass das Aufhängen von Fahnen bei einem Parteitag anscheinend vorab niemanden interessiert oder keiner die potentiellen Folgen bedenkt. Was mich ärgert, ist, dass viele „Antifa“ nur mit Gewalt oder nur mit Antifaschismus in Verbindung bringen. Was mich auch ärgert, ist, dass Menschen zur Klärung nach #linkshinten „gerufen“ werden, ergo in eine assymetrische Kommunikationsposition, wobei aus dem gleichen Kreis schon das Angebot an einen _anonymen_ Hetzaccount, „mal ein Bier zu trinken“, als Gewaltandrohung ausgelegt wird.  Was mich ärgert ist Bigotterie, was mich ärgert, ist berechnende Steuerung von Partei und Menschen, was mich ärgert, ist … vieles…

Was ist denn mal mit Reflexion?

Was ist denn überhaupt passiert?

Beim #bpt141 hing an prominenter Stelle eine Fahne der Antifa. Wohl auch von promintenen Leuten aufgehängt, protegiert und von anderen Menschen bei Twitter (vermutlich auch anderswo) unreflektiert verteidigt oder angegriffen.

Soweit, so gut.

Jetzt ist erst einmal merkwürdig, dass eine Fahne der Antifa hängt, nicht eine der Pirantifa, oder was auch immer, aber, sei es drum. Es hängt nun also diese Fahne und es kommt auch schnell zu Diskussionen, ob das denn so sein müsse, ob das passe, ob man sich da nicht mit den falschen Leuten gemein mache, etc. Anstatt das jetzt abstimmen zu lassen, die Fahne erstmal abzuhängen oder was auch immer, wird mitgeteilt, dass es jetzt halt so sei (korrigiert mich, wenn ich etwas falsch wiedergebe, ich war nicht vor Ort) und das schon seine Richtigkeit habe.

„Was wollt ihr denn, Antifa steht für Antifaschismus“ schallts von der einen Seite, „steineschmeissende Chaoten“ von der anderem Seite. Und beide Seiten haben Recht, wenn man den Blickwinkel beschränkt genug lässt. Ja, im Grunde stand Antifa mal für Antifaschistische Aktion, ohne gewaltverherrlichenden Hintergrund, ja, es gibt dort auch Teile der steinewerfenden Fraktion. Ja, man kann sie nicht über einen Kamm scheren (btw kann man dann aber auch nicht bei anderen immer wieder mit ähnlichen „Zugehörigkeits-Argumenten“ kommen, aber das nur nebenbei), nein, „Die Antifa“ lässst sich nicht simpel definieren.

Jetzt sind die Piraten ja nicht die APPD, nein, teilweise habe ich das Gefühl, sie wollen wirklich etwas bewegen, etwas verändern, politisch agieren, und dann hängt man sich unnötig diesen Klotz ans Bein. Wenn es denjenigen, die die Fahne aufhängten, darum gegangen wäre, ein Zeichen gegen Antifaschismus zu setzen, klarzumachen, dass die Piraten diesen nicht dulden, hätte es Dutzende besserer Varianten gegeben. Varianten, die klar „Flagge zeigen“, die gleichzeitig jedem Piraten die Möglichkeit gegeben hätten, dahinter zu stehen. Man hätte das auch direkt auf der Bühne zelebrieren können, kein Thema, hätte ich befürwortet.

Aber nein, man hängt die Fahne der Antifa auf. Eine Fahne, die deutlich polarisiert (nicht zuletzt so kurz nach #hh2112). Die eben nicht nur für Ablehnung von Faschismus steht. Da können die Befürworter noch so oft gebehtsmühlenartig wiederholen, diese Fahne stünde für Antifaschismus und überhaupt könne man „die Antifa“ ja nicht über einen Kamm scheren, die Fahne heisst, gerade wegen der Heterogenität, ebensosehr Ablehnung von Faschismus, wie Zustimmung zu gewaltsamer Aktion. Man kann nicht beim Einen einwenden, das wären nur Einzelne, „Die Antifa“ gebe es ja gar nicht, um dann doch die Fahne als allgemeines Symbol für das Andere zu nutzen. Das ist bigott.

Machen wir uns nichts vor, in der Piratenpartei gibt es einige, durchaus prominente, Personen, die klar der Antideutschen Antifa zuzuordnen sind und damit auch kokettieren. Interessanterweise kommen aus dieser Ecke, den Spatzen auf dem Dach zufolge, auch diejenigen, die zum (Spam)Blocken aufrufen und gerne auch anonyme Accounts dafür basteln. Diese Personen lässt man also nun bei einem offiziellen Parteitag eine zu ihrer Gesinnung passende Fahne aufhängen, während andere nicht zugelassen sind, weil „nicht abgesprochen“. Nun ja. Kann man machen. Dann darf man sich aber nicht wundern, wenn man nicht erstgenommen oder für linksradikal gehalten wird. Naja. So hat der Staatssschutz wieder etwas mehr zu tun.

Bevor ich jetzt weiter abschweife und einen Roman schreibe, noch einmal kurz meine Kritik an der Fahne und dem Drumherum.

– Antifa ist so heterogen (worauf ja ironischerweise die Befürworter bestehen, die extra ein Mem gestartet haben dazu), dass die Fahne auf jeden Fall deplaziert ist bei Veranstaltungen von ernstzunehmenden Parteien

– Antifa steht eben auf Grund dieser Heterogenität nicht einfach für Antifaschismus. Wer das behauptet lügt sich oder allen etwas vor, gerade, wenn er klar ersichtlich zum antideutschen, Gewalt nicht abgeneigten Teil, gehört

– Wenn diese Fahne erlaubt ist, wird es beim nächten Parteitag eine Fahnenflut geben, die man nicht ohne Weiteres verbieten können wird (oder nicht ohne berechtigte weitere Diskussion), das wird eine Freude

– Durch die Debatte um die Fahne sind andere Dinge in den Hintergrund getreten. Wieviele Kandidaten wurden gefragt, wie sie zu internem Mobbing stehen? Oder ist das ein böses Thema, weil es von den falschen Personen angesprochen wurde? Worüber reden heute alle? Europathemen wohl ebenfalls weniger…

– Die Debatte spaltet die Partei noch weiter, als es eh schon durch Personen aus demselben Dunstkreis (und deren Opponenten) geschieht

– Persönliche Befindlichkeiten und Vorlieben werden in den Vordergrund gestellt, vor die Partei

Gewinner sind also ein paar Egos, Leute, die gerne schreien und die althergebrachte Politik, die sich kaputtlacht… alle anderen sind imo klare Verlierer bei der ganzen Sache…

Hätte man einfach eine Fahne „Piraten gegen Faschismus – Überall!“ aufgehängt, hätten ein paar Egos gelitten, wären andere Dinge Thema gewesen und alle wären freundlich vereint gewesen. Aber so einfach geht das natürlich nicht.