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Paris. Viele Fragen.

Paris. Wieder.

Viele Tote, viele trauernde Angehörige, Verletzte, betroffene Überlebende. Sehr viel Leid.

Es gibt so viele Ebenen, die man hier betrachten kann, vielleicht auch sollte. Und ich habe nur Fragen und einige Gedanken; wer Antworten sucht, braucht hier nicht weiter lesen.

Was passiert ist in Paris, passiert anderswo so oft, dass es im täglichen Nachrichtenrauschen bei „uns“ kaum mehr ankommt oder länger, als ein paar Stunden das Denken & Fühlen wirklich beeinflusst. Die Zahl der Toten ist allerdings auch sonst nicht alltäglich, selbst nicht in Bagdad, Beirut oder Nigeria und jetzt ist es in Paris passiert. Nah. Sowohl geographisch, als auch kulturell und für viele persönlich. Was passiert ist in Paris, ist schrecklich; was für Folgen die Anschläge haben werden ist auf vielen Ebenen derzeit in der Schwebe. Alles scheint möglich, nichts gewiss. Das gilt sowohl für Entscheidungen auf der politischen Ebene, als auch auf alltäglicher, zwischenmenschlicher.

Und diese Entscheidungen und Reaktionen werden meiner Meinung nach entscheidend sein dafür, wie diese Anschläge und ihre Auswirkungen in Zukunft bewertet werden.

Welche Auswirkungen werden diese Anschläge haben? Welches Gewicht werden diese Auswirkungen haben? Werden wir uns an Militär im Inland gewöhnen, gewöhnen, gewöhnen müssen? Werden die Wünsche der Sicherheitshardliner erfüllt und Datenspeicherungen immensen Ausmaßes von nun an als normal und nötig angesehen? Werden Gräben in der Gesellschaft vergrößert oder werden sie zuwachsen, gehen wir aufeinander zu oder voneinander weg? Wird dem Terror mit Nächstenliebe und Beibehalten der Grundrechte getrotzt, wird es mit Hilfe von Aufrüstung und Überwachung sein, vielleicht mit Beschneidung von Grundrechten? Wird Terror mit immer mehr Waffengewalt in anderen Ländern und im eigenen Land, auf dem eigenen Kontinent, bekämpft? Wird das dann nachhaltig helfen oder weitere Generationen von potentiellen Terroristen erschaffen durch unschuldige Opfer und Leid? Werden wir einsehen müssen, dass es immer und überall möglich ist, Opfer eines Arschlochs zu werden? Werden wir einsehen müssen, dass der Tod jetzt auch in Europa häufiger zuschlagen wird, nicht nur in „ordentlicher“ Entfernung? Werden wir dadurch allen, die „anders“ sind gegenüber misstrauisch(er) werden? Werden wir dadurch Spannungen vielleicht noch vergrößern, befördern? Was werden wir für Folgen erleben, welche Narben werden diese Anschläge hinterlassen? Werden sie vielleicht auch unsere Sicht auf Leid in anderen Teilen der Welt verändern? Werden wir dauerhaft Schweigeminuten erleben, Flaggen auf Halbmast, täglich wechselnde Avas der Solidarität? Was passiert ist in Paris, erzeugt Angst, erzeugt Wut und scheint Vielen nach schnellen, harten Reaktionen zu schreien. Und viele schreien sofort nach Maßnahmen. Angst, Wut und Hast sind aber meiner Meinung nach eher die falschen Ratgeber für ein Thema, das durchaus das Potential hat, viele Stränge der nahen und ferneren Zukunft stark zu beeinflussen. Instrumentalisierung der Anschläge surft auf der Welle der Emotionen und vorgefertigten und jetzt (scheinbar) bestätigten Meinungen aller Couleur. Viele versuchen jetzt – wieder und vorhersehbar – ihre Agenda oder ihre Sicht als die einzig wahre zu verbreiten, die Reflexe greifen wieder – auf allen Seiten. Im Vokabular enthalten sind bereits der absolute Krieg, bedingungslose Unterstützung und der Dritte Weltkrieg. Gerufen wird nach mehr Überwachung, Stärkung der Geheimdienste, mehr Sicherheitskräften, besserer Bewaffnung, Schutz der Grenzen, Begrenzung von Flüchtlingen (also natürlich nicht im Sinne der Ursachenbekämpfung, sondern des Symptoms) usw. Gerade in Kombination machen mir solche Aussagen große Sorgen, lassen mich zweifeln, dass hier mit Bedacht entschieden werden wird.

Stellt euch einfach vor, wir würden als Reaktion auf Terror mit diesen Methoden reagieren. Wollen wir wirklich eine solche Welt? Mit dauerhaftem Bedrohungsszenario und den passenden emotionalen Katalysatoren lassen sich weitgehende Überwachung und Abschaffung von Rechten sicher durchsetzen. Ließe sich das Rad danach noch einmal zurückdrehen? Oder drehte es sich unaufhaltsam Speiche um Speiche weiter? Weil die ergriffenen Maßnahmen immer noch nicht ganz reichen, der nächste Schritt aber sicher? Weil noch immer nicht alle Menschen friedlich sind, trotz aller Maßnahmen und wir daher immer noch mehr Überwachung und noch weniger Rechte durchsetzen müssen? Weil es immer nur ein kleiner weiterer Schritt ist, ein Zentimeter mehr, wie bei Bubka? Ich mache mir große Sorgen, fühle mich ohnmächtig.

Man kann nach den Gründen für Radikalisierung von Menschen, die letzten Endes Attentäter werden, fragen – nach dem Prozess, der dorthin führt. Man kann dann allein bei dieser nur scheinbar kleinen Frage schon mehrere Ebenen und Möglichkeiten betrachten.

Da gibt es die innenpolitische und gesamtgesellschaftliche Ebene, wie hier in Europa mit Menschen umgegangen wird, die hier bereits leben oder herkommen und hier leben wollen. Das heißt, (u. A.) Themen wie Rassismus, Integration und Integrationswillen, Diskriminierung und soziale Chancen, Bildung und Menschenbild zu beleuchten, ebenso wie den Umgang mit Asyl und Flüchtlingen und den genannten Themenfeldern durch die Politik. Wie Medien mit diesen Themen umgehen, wie wir im Alltag mit diesen Themen umgehen, wie wir alle agieren, reagieren, nichts tun.

Die außenpolitische Ebene , wie und warum „Der Westen“ in anderen Weltregionen agiert und wie dies bei den dort lebenden Menschen und deren Verwandten und Bekannten anderswo ankommen mag und ankommt. Welche Gruppen werden warum unterstützt, welche nicht? Wie wird dort wirtschaftlich gehandelt? Wie, was und wer erhält Hilfe? Wie wird mit den vielen – oft sogenannten kollateralen – Opfern dort umgegangen? Durch die Gesellschaft, durch die Politik, durch die Medien? Sorgt „Der Westen“ gut gemeint, aber schlecht gemacht, für Probleme, für Destabilisierung, für Leid? Folgt er einer eigenen Agenda und nimmt dies bewusst in Kauf? Gerade in diesem Themenfeld gibt es viele, teils sicher absurde, Ansichten – und ebenso viele Überzeugte.

Die religiöse Ebene. Machen wir uns nichts vor. Es gibt diese Ebene und sie ist relevant. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Religion an sich schuldig ist an dem, was passiert, schon gar nicht alle Gläubigen, aber sie wird mindestens als Katalysator oder Vehikel genutzt und diejenigen, die Terror verbreiten, haben wohl ein Selbstbild als wahre Gläubige. Ist es sinnvoll, deshalb ganze Religionen mitsamt allen Angehörigen unter Generalverdacht zu stellen? Spielt man damit nicht genau denen in die Hände, die Angst, Spannungen und Ablehnung brauchen, seien es rechte Gruppen oder religiöse Menschen, die andere zu Anschlägen bringen? Hier kann man trefflich streiten, was man von religiösen Verbänden oder Personen erwarten kann, darf, sollte oder wie auch immer. Auch kann man danach fragen, wieso Menschen sich religiös so weit radikalisieren (lassen), dass sie dazu fähig sind, „im Namen ihrer Religion“ schreckliche Taten zu vollbringen und wer da auf welche Art Einfluss nehmen kann, um das zu verhindern.

Ist es ein Thema der Gesellschaft? Eins der Angehörigen derselben Religion? Von Verbänden oder von Einzelnen? Trägt jede Religion, jede Überzeugung dieses Potential in sich? Man kann nach dem jeweiligen Individuum fragen, den speziellen persönlichen Umständen, die aus einem Menschen einen mordenden Menschen machten.

Man kann nach den Zielen der Anschläge und der Menschen dahinter fragen. Sowohl den physischen Zielen und deren Auswahl, als auch nach den Zielen, die mit diesen Anschlägen verfolgt wurden. Terroranschläge gelten nur bedingt den jeweiligen Toten, sie gelten vor allem den Überlebenden, den Menschen, die nicht Opfer wurden und somit Ziele der Schreckensverbreitung. Man kann fragen, welche Reaktionen sich die Planer und Durchführer der Anschläge erhoffen. Wollen Sie Angst verbreiten? Wollen Sie, dass wir allen Muslimen mit noch mehr Vorbehalten entgegentreten, als es Viele eh schon tun? Sie argwöhnisch betrachten und ausgrenzen, damit sie weiteren Zulauf erhalten? Wollen sie ihre Macht demonstrieren, Leben auch in Europa zu nehmen; nach innen und außen Stärke zeigen und dadurch sowohl neue Menschen rekrutieren, als auch andere festigen? Wollen sie, dass wir unsere erkämpften Freiheiten aufgeben? Wollen Sie, dass härter militärisch vorgegangen wird, damit es mehr zivile Opfer geben wird und dadurch mehr Zustimmung? Gibt es einen Königsweg, wie hier agiert werden kann? Ist der eventuell genutzte Weg als Flüchtling nach Europa bewusst geschehen? Soll er Europa und die Menschen in Europa dazu bringen, sich abzuschotten und Menschen im Elend zu lassen, aus Angst? Wurde er ganz einfach genutzt, weil er – wie auch andere – möglich war? Sollen wir jetzt Flüchtlinge unter Generalverdacht stellen? Terroristen und manch westliche Hardliner spielen sich hier gegenseitig in die Hände und leben auch voneinander, könnte man meinen.

Man kann nach den Auswirkungen dieser und anderer Anschläge fragen. Man kann fragen, ob diese Anschläge zeigen, dass wir mehr Überwachung und Befugnis für Dienste und Militär benötigen oder ob dieser Ansatz vielleicht doch als gescheitert gelten kann, da sich Anschläge nie zu 100 % verhindern lassen werden. Man kann sich fragen, ob wir den Terroristen nicht auf den Leim gehen, wenn wir unsere Gesellschaften spalten lassen, wenn wir unsere Freiheiten aufgeben. Man kann sich fragen, ob eine weitere Verschärfung des Kriegs gegen Terror sinnvoll ist und, wenn ja, wie dieser Krieg dann geführt werden sollte. Man kann sich so viele Fragen stellen, die mit kurz-, mittel- und langfristigen Auswirkungen auf das Leben aller Menschen zu tun haben, für die diese Anschläge durchaus Katalysator sein könnten.

Man kann nach dem Umgang mit diesen und anderen Anschlägen fragen. Man kann zum Beispiel fragen, wieso Menschen anders reagieren, wenn Anschläge in Paris passieren, als wenn es um Anschläge z. B. im Irak, in Israel oder in Nigeria geht. Ist es die geographische Nähe, die entscheidet? Ist es eine wie auch immer geartete kulturelle Nähe? Die höhere Wahrscheinlichkeit, dass sich dort gerade Freunde oder Verwandte aufhalten, also eine potentielle persönliche Nähe zu den Anschlägen? Ist es eine Abstumpfung, die bei den vielen schlimmen Berichten in Bezug auf manche Region der Welt eingesetzt hat? Ist Paris Teil des „Wir“, während sich sonst „Die“ gegenseitig umbringen oder halt „Die“ umgebracht werden? Wird durch ein Wir/Die-Denken bewusst oder unbewusst eine (emotionale) Grenze aufgebaut, die innerhalb der Gesellschaft ebenso wirkt, wie von ihr nach außen? Wie viel Einfluss haben Berichte von Medien und Aussagen von Politikern auf die Reaktionen, deren Reichweite und Dauer?

Wann und warum werden in sozialen Medien die Avas geändert, Solidaritätsbekundungen verfasst und verbreitet? Wann und warum werden öffentliche / bekannte Gebäude angestrahlt, um Solidarität zu zeigen? Wann und warum hängen Flaggen auf Halbmast? Wann und warum gibt es klare Aussagen, die „bedingungslose“ Unterstützung oder Solidarität zusagen? Und wann und warum nicht?

Wie kommt der Unterschied im Umgang wiederum bei Menschen an, für die andere Anschläge halt doch nahe sind?

Man kann sich auch die Frage stellen, wie man selber reagieren würde, wäre der Terror täglich vorhanden in der Region, in der man lebt, nicht nur einmal in relativer nähe. Würde man selber dort bleiben oder vielleicht doch fliehen? Wie hoch muss der Druck sein, um seine vertraute Umgebung, seine Heimat und Bekannten zu verlassen? Wie groß muss der Druck sein, um das ebenfalls große Risiko der Flucht auf sich zu nehmen? Und wie würde man dann gerne empfangen werden in einem anderen Land? Und was würde man empfinden, würde man dort von einheimischen Menschen häufig abgelehnt, angefeindet? Nicht, weil man ein schlechter Mensch wäre, sondern weil man fremd ist, die falsche Religion oder Farbe hat, die falsche Sprache spricht oder die „richtige“ nur wenig.

Kann man erwarten, dass sich bestimmte Personengruppen von solchen Anschlägen distanzieren? Wenn man meint, es müssten sich Menschen distanzieren, wer dann genau? Landsleute der Täter? Angehörige der Religion, auch wenn sie diese völlig anders auslegen und ausleben, als die Täter? Sind es Verbände, die sich distanzieren müssen? Sind es Verwandte oder Bekannte der Täter, die sich zu distanzieren haben? Kann man Distanzierung erwarten oder verlangen, ohne die vorher gestellten Fragen zu beantworten und sich zu fragen, wovon oder inwiefern man sich evtl. selber von etwas distanzieren sollte, bevor man verlangt?

Sollte man sich die Frage stellen, inwiefern man selber (nicht) dazu beiträgt, eine Gesellschaft zu bilden, die nicht ausgrenzend, sondern inkludierend ist? Sollte man sich die Frage stellen, ob man durch seine Kreuze bei Wahlen politische Entscheidungsprozesse in Gang gesetzt hat, die vielleicht Teil des Problems sind? Sollte man sich fragen, ob man selber in Wir/Die denkt und somit selber ein kleiner Teil des Problems sein könnte? Sollte man sich distanzieren, weil man ein Mensch ist – wie die Täter auch – oder eben nicht, weil Mensch als Kategorie nicht passt oder zu weit gefasst ist? Wo zieht man dann eine sinnvolle Grenze? Berufsgruppe, Blutsverwandtschaft, Herkunftsort, religiöse oder politische Nähe? Ist nur relevant, als was sich die Täter bezeichnen? Wie genau muss diese Selbstbezeichnung demjenigen entsprechen, damit er sich distanzieren soll? Kann man Distanzierungen verlangen; mit welchem Recht? Kann man sie für sinnvoll halten oder auch für nicht hilfreich oder gar schädlich?

Man kann sich fragen, ob Grenzen besser geschützt oder etwa ganz abgeschafft gehören, ob Integration mehr Hol- oder Bringschuld ist, ob wir allen Menschen in unserer Gesellschaft die gleichen Chancen ermöglichen. Man kann sich fragen, welche Freiheiten man selber bereit wäre aufzugeben, welche Rechte, um im Tausch vielleicht ein wenig mehr Sicherheit zu erhalten – wenn man daran glaubt. Man kann natürlich auch seine Fragen stets nur auf andere Menschen und deren Handlungen fixieren und sich selber aus der Gleichung ausnehmen. Man selber tut ja niemandem was und will doch nur Ruhe, Sicherheit und was auch immer.

Kann man Vereine oder Gruppen verbieten und brächte das für sich genommen etwas? Was sind Symptome, was sind Ursachen?

Ist es nötig und wichtig, mit ordentlich Bodentruppen den IS zu zerschlagen? Sind Drohnen der Schlüssel oder großflächige Luftbombardements? Ist Russland mit im Boot oder eher Halbfeind? Was ist mit z. B. Assad? Welche Vor- und Nachteile für wen bringen welche militärischen Vorgehensweisen? Was soll eigentlich gemacht werden mit dieser gesamten dauerhaft destabilisierten Region, damit dort etwas wie Frieden möglich ist? Kann man dort Stabilität schaffen, wenn ja wer und wie? Was ist eigentlich das wirkliche endgültige Ziel für die Region? Haben wir eins? Eine Vision? Etwas realistisches?

Man kann sich auch die Frage stellen, ob es hilfreich ist, jeden direkt als Nazi zu titulieren, der eine weniger offene Meinung zu Flüchtlingen oder anderen Themen hat. Ob man auf diese Art nicht diesen und andere Begriffe entwertet, andere Menschen ausgrenzt und abwertet und somit weitere Ressentiments schürt, durch das dauerhafte Nutzen starker Begriffe für jegliche Abweichung.

Man kann so viele Fragen stellen, bis einem der Kopf platzt.

Ich bin weder Psychologe, noch Soziologe, kein Militärexperte, keiner für Geheimdienste, weder Politiker, noch Theologe, auch kein Journalist; ich werde vermutlich auch keine beleg- und belastbaren simplen Antworten finden, wenn denn welche zu finden sind. Und so habe ich keine Antworten, ich habe nur Fragen und Gedanken. Und das auch noch alles ziemlich wild und ungeordnet bislang.

Ich denke, dass es keinen Zustand 100%iger Sicherheit geben kann, ich denke, dass es immer Menschen geben wird, die anderen aus verschiedensten Gründen Schlimmes wollen oder tun. Ich denke, dass wir lernen müssen, mit der Angst umzugehen, die dadurch entsteht – dass wir das Risiko auf gewisse Art akzeptieren müssen, so wie wir auch die Gefahr von Unfällen akzeptieren, ohne uns wegen der Statistiken einzusperren. Das Leben endet halt tödlich, aber mit einigen Risiken kommen wir anscheinend gut zurecht, während uns andere so sehr ängstigen, dass viele von uns bereit sind, sich deswegen einzuschränken. Worin ist dieser Unterschied im Umgang begründet?

Ich denke auch, dass teilweise leider Gewalt nötig sein wird, um solche Menschen von Gewalt abzuhalten; eine Gesellschaft völlig ohne Staatsgewalt halte ich leider auf mindestens sehr lange Sicht für vollkommen utopisch. Schade, aber so ist es meiner Meinung nach halt.

Ich denke aber auch, dass wir Menschen durchaus das Potential haben, gemeinsam eine Welt zu schaffen, die möglichst allen, die das wünschen, ein vernünftiges gemeinsames Leben ermöglicht. Und ich denke, dass Freiheit, Fairness und Weltoffenheit wichtige Aspekte sind, wenn wir etwas Gutes erreichen wollen. Ich denke, dass jeder durch kleine Taten die Welt besser und lebenswerter machen kann für sich und andere Menschen. Und ich denke, wenn das viele Menschen tun, kann dadurch einiges bewegt werden. Ich denke nicht, dass es hilfreich ist, Freiheiten und Rechte zu beschneiden, Grenzen zu schließen, Menschen auszugrenzen und die Stimmung anzuheizen. Ich denke, dass auch und gerade Politik und Wirtschaft gefragt sind, wenn es darum geht, die Verhältnisse auf unserer globalisierten Welt so zu verändern, dass viele Grundlagen für Leid und Missgunst bald nur noch Randthemen sind, die wir gemeinsam abgeschafft haben. Es gibt viel zu tun, denke ich. Packen wir’s an.

Andere Menschen, Experten in bestimmten Bereichen, werden zu ganz anderen Schlüssen, vermutlich auch schon zu ganz anderen und mehr Fragen kommen. Vielleicht hat einer derjenigen Recht. Oder vielleicht finden Fachleute verschiedener Couleur eine Synthese ihrer Ansichten und dann ein offenes Ohr bei denjenigen, die weitgreifende Entscheidungen treffen können. Wünschenswert wäre es.

Linke Probleme

Wir Linken und links denkenden, aber sich nicht so bezeichnenden Menschen, haben Probleme in der Außendarstellung und somit der Überzeugung des Großteils der Menschen. Das zu bestreiten wäre weltfremd, das nur auf die Adressaten der Kritik und die „dumme Masse“ zu schieben, wäre vermessen. Nur, weil Themen und Ansichten „gut“ oder sinnvoll sind oder uns so erscheinen, werden diese noch lange nicht von anderen Menschen so gesehen, oder gar gelebt und verbreitet.

Nachfolgend ein paar Punkte, die Teile dieser Probleme – aus meiner Sicht – aufzeigen; und natürlich ineinander übergehen.

1. Ablehnung sachlicher Diskussionen
2. Fordern, statt fördern
3. Gruppendenken und Bubblementalität
4. Verwässerung von Begriffen
5. Pure Blockade & Selbstbespaßung
6. Hohes moralisches Ross
7. Gewalt(bereitschaft) und martialisches Auftreten
8. Bigotterie
9. Symptome statt Ursachen angehen
10. Zerstrittenheit

Die Liste ist natürlich nicht vollständig und die Punkte nur angerissen; es gibt noch utopische Dinge, wirtschaftliche und andere Aspekte, aber das sind ein paar derjenigen, die gerade mal raus wollten 😉

1. Ablehnung sachlicher Diskussionen

Da es vorhin als Thema aufkam, hier spontan ein paar Gedanken.

Immer wieder fällt mir auf, dass gerade Menschen, die sich dem weit linken Spektrum zuordnen (lassen), es nicht zu sachlichen Diskussionen kommen lassen (die weit rechten Leute verirren sich zum Glück seltener in meine Umgebung, sind aber sicher nicht besser, so sie denn auftauchen). Liegt es daran, dass man müde geworden ist? Liegt es daran, dass man sich für besser und besser informiert hält, als der Gegenüber? Hat man Angst vor einer Auseinandersetzung mit anderen Meinungen, weil man Angst hat, das eigene Bild könnte sich verändern, das man doch so mühsam aufgebaut hat? Wenn man die besseren Argumente hat, warum sollte man eine inhaltliche Auseinandersetzung scheuen? Denken verboten, solange es nicht die gewollten  Bahnen nimmt.

Möchtet ihr so behandelt werden? Überzeugt euch so ein Verhalten?

Wenn sich eine inhaltliche Auseinandersetzung dauernd wiederholt, warum setzt man nicht eine fundierte und überzeugende, quellen- und faktenbasierte Liste für diese Punkte auf, auf die man dann verweisen kann? Warum agiert man immer wieder mit Ablehnung der inhaltlichen Auseinandersetzung?

2. Fordern, statt fördern

Dieselben Menschen setzen häufig viele Dinge und/oder Wissen als gegeben voraus. Und damit meine ich nicht simple Grundzüge, wie dass Menschen gleiche Rechte haben sollten, egal, wen oder was sie lieben, welche Farbe ihre Haut hat, welcher Religion sie anhängen oder was für Geschlechtsorgane sie haben.

Von allen Menschen zu erwarten, dass sie sich umständlich und umfänglich informieren und dann natürlich die Meinung teilen (wobei natürlich zu beachten ist, dass Informationen aus vielen Quellen sich – und die sich dort Informierenden – auch noch per se disqualifizieren, wohingegen andere natürlich per se gut und glaubwürdig sind). Wissen voraussetzen und Nichtwissende als dumm (oder direkt als Nazi etc.) abzuspeisen ist natürlich eine sehr sinnvolle Methode der Sympathie- & Unterstützungsgewinnung und keineswegs abschreckend oder gar kontraproduktiv.

Das wird man ja wohl mal voraussetzen können!

Wenn man gleichzeitig aber die breite Masse – die man ja an sich erreichen müsste, da „die schweigende Mehrheit“ ja das oft genannte Problem ist – als dumm darstellt und von ihnen erst mal fordert, sich zu informieren, natürlich aus den richtigen Quellen, umfassend und hinterfragend, anstatt zu unterstützen, ist das sicher nicht hilfreich für die Gewinnung von Unterstützung.

Möchtet ihr so behandelt werden? Überzeugt euch so ein Verhalten?

3. Gruppendenken und Bubblementalität

In den extremen Meinungsecken ballen sich, egal um welches Thema es geht – also auch bei uns Linken jeder Couleur – Gruppen zusammen, in denen viele Ansichten als Dogma existieren, welches nie und nicht mal ansatzweise hinterfragt werden darf. Wer das doch tut, den muss man wegblocken und sich eher weiter radikalisieren, da diese Kritik der Dummen ja auch wieder Beleg dafür ist, dass man Recht hat. Jede Kritik von Außen – oder gar reflektierte Bedenken von Personen, die doch dazugehören – sorgt für Bestärkung von Innen, Abwehrreaktionen und weitere Abschottung.

Besonders sichtbar wird dies in sozialen Netzwerken, wo diese Prozesse schneller und radikaler ablaufen, als an anderen Orten unserer Welt.

Möchtet ihr klassisches „Wir vs. die Anderen“? Überzeugt euch so ein Verhalten?

4. Verwässerung von Begriffen

Klar kann man jeden als Masku, Antisemit, Nazi usw. geißeln und brandmarken, der andere Meinungen vertritt. Aber macht das Sinn? Verwässert das nicht erstens Begriffe, wie bei dem Jungen, der „Wolf“ schreit? Relativiert es nicht auch gleichzeitig die Taten & Opfer derjenigen, auf die diese Begriffe sicher zutreffen?

Ich halte diesen inflationären Gebrauch für gefährlich und schädlich.

Möchtet ihr, dass diese Begriffe nichts mehr wert sind und gleichzeitig deren eigentliche Bedeutung relativiert wird?

5. Pure Blockade & Selbstbespaßung

Yay! Wir haben mit mehreren 100 Leuten wieder mal 20 Vollidioten ihre Demo versaut, schlagt alle ein und lasst uns uns feiern, weil wir super sind!

Mal ehrlich. Wenn 20 (oder 100) Idioten mit alten Fahnen und dummen Sprüchen herumziehen, kriegen sie durch Blockaden mehr Aufmerksamkeit, als sie sonst kriegen würden und verdienen. Klar, gehen die Teilnehmer in die Hunderte oder Tausende, sieht die Sache anders aus, aber auch hier gilt für mich: Die Demo an sich ist Selbstbespaßung der Idioten und erreicht erst mal nicht viele Leute, sondern „nur“ sie selbst. Die Öffentlichkeit wird meist geschaffen durch Berichterstattung.

Ein buntes Straßenfest einige hundert Meter weiter sorgt dafür, dass die eigentliche Demo nur eine Randnotiz ist. Oder gar rein negativ auffällt in den Medien. Und zeigt direkt auch, dass man wirklih bunt, vielfältig und für Freiheit und Grundrechte ist, nicht nur gegen Idioten.

Wenn man aber in schwarz und vermummt, blockierend und aggressiv durch die Gegend zieht und zwischendurch tolle Parolen oder Gesänge von sich gibt, die Otto-Normalbürger gar nicht kapiert oder eher bedrohlich findet, was ist es dann mehr, als Selbstbespaßung? Wen und was erreicht es?

Möchtet ihr vor allem Spaß haben und eure Bubble auf die Straße tragen und in sich geschlossen halten, oder möchtet ihr was bewegen und Menschen erreichen, damit sich was ändert?

6. Hohes moralisches Ross

Immer wieder werden „Diskussionen“ sehr davon geprägt, dass von oben herab als „guter Mensch“ den bösen anderen gepredigt wird. Kommunikation auf Augenhöhe? Fehlanzeige. Wer auch nur den leisesten Verdacht erregt, er könnte Dinge, die nicht mit der Meinung der eigenen Bubble in Deckung zu bringen sind, befürworten oder auch nur bedenken, ist direkt eine persona non grata und sicher dumm und moralisch am Ende. Das geht natürlich passend einher mit den Punkten 1,3 und 4. Man selber ist ja der Gute, weil… ja weil man es halt ist!!11! Daher ist der andere natürlich zwangsläufig der Böse und es findet sich sicher ein passender Begriff – oder sonst halt eine Neuschöpfung, gerne aus dem amerikanischen – um ihn zu diffamieren.

Möchtet ihr gerne von „wissenden und moralisch überlegenen Menschen“ von oben herab behandelt werden? Überzeugt euch so ein Verhalten?

7. Gewalt(bereitschaft) und martialisches Auftreten

Ja, ich kenne und verstehe die Argumente, die für einen schwarzen Block bei Demos sprechen. Aber glaubt ihr ehrlich, dass das für viele der dort anzutreffenden Menschen der Grund für Vermummung und schwarze Massen ist? Kann es nicht sein, dass da so 1-3 Menschen bei sind, die im Rahmen dieser Masse einfach nur Krawall ohne Konsequenzen für sich wollen? Und dass das ganz vielleicht bei der Masse der Menschen nicht so super positiv ankommt, wenn Steine fliegen, es brennt und eine Horde schwarzgekleideter Vermummter Parolen gröhlt?
Möchtet ihr, dass an die Stelle von friedlichen Demonstrationen und Überzeugung von Menschen ein gewaltbereiter Mob tritt, der sich daran erfreut, martialisch aufzutreten, sich zu produzieren und seinen Spaß zu haben? Meint ihr, dass möchten die Leute nebenan auch und sie werden danach überzeugt für linke Ideen eintreten?

8. Bigotterie

Ihr seid für Vielfalt? Lebt sie und lasst andere Meinungen zu. Ihr seid strikt und extrem gegen Kapitalismus? Schmeisst euer iPhone weg, kauft keine Klamotten und lasst das große M weg. Ihr hasst Deutschland? Dann nutzt eure Reisefreiheit. Ihr seid für Grundrechte? Dann lasst Idioten demonstrieren und lasst Menschen ihre Meinung (oder überzeugt sie). Ihr seid gegen Nationalstaaten? Dann seid es auch bei Israel. Ihr seid gegen Verurteilung aufgrund der Herkunft? Dann lasst es auch bei Amerikanern, Russen oder Deutschen.

Und vor allem: Legt an euch selber höhere Maßstäbe, als an andere Menschen, nicht umgekehrt.

Wollt ihr von Menschen regiert und kontrolliert werden, die bigott sind? Mögt ihr unsere Regierung und die Kirchen mit all ihrer Bigotterie?

9. Symptome statt Ursachen angehen

Wenn ihr wirklich was bewegen wollt, dann macht es nicht wie die Politiker, die ihr dauernd dafür kritisiert und geht nur Symptome an. Klar ist es leichter und für das Selbstbild und die Selbstdarstellung ausreichend, miese Symptome anzuprangern, aber dumme oder feindliche Einstellungen haben auch Ursachen. Versucht diese zu ändern. Versucht die Gesellschaft und das herrschende System zu ändern, nicht nur immer Köpfe einer Hydra abszuschlagen.

Wollt ihr Krankheiten medikamentös behandeln oder vielleicht doch den langen Weg gehen und die Ursachen angehen und beseitigen?

10. Zerstrittenheit

Die linke Szene ist so dermaßen zerstritten durch Strömungen und Ansichten zu einzelnen Themen, dass es schmerzt. Was? Du bist pro Israel/Palästinenser? Pro/anti Amerika? Mit dir rede ich nicht, egal zu welchem Thema, du bist Teil des Bösen!

Dass sich andere Leute mit anderen Ansichten kaputt lachen ist nur logisch. Wo wegen Differenzen in Einzelpunkten die Zusammenarbeit in allen Punkten leidet oder gar unmöglich wird, kann man nichts erreichen.

Wollt ihr, dass jemand, der in einem Punkt eine andere Meinung hat, euch nicht unterstützt in anderen Punkten?

Kurz gesagt: Es ist in großen Teilen eher ein Problem der Kommunikation und des Handelns, als der Themen.

Ich möchte gerne Menschen, möglichst viele sogar, überzeugen. Wollt ihr das auch?

Kranke Welt

Ayo, die Welt ist so krank, ayo, die Welt ist so krank mein Freund. 

Wir leben in einer kranken Welt. Keine Frage. Und heute folgen wir den Lyrics des hörenswerten Stückes „Kranke Welt“ von Dopewalka (Dopewalka.net) als rotem Faden. Er legt, untermalt von wirklich guter Musik, Finger in Wunden der Gesellschaft. 

In den Köpfen der Menschheit wächst der Tumor der Neuzeit,
lässt sie glauben sie wär’n glücklich wenn sich keiner erfreut zeigt

Neid und Missgunst, Ellenbogen und Egoismus haben längst die Solidarität der Menschen verdrängt, den sozialen Kitt weggewischt. Ist das eine Krankheit der Moderne, der wir ausgeliefert sind? Oder können wir noch etwas tun? In meinem letzten Blogpost habe ich ja die Idee angestoßen, dass wir unsere Gesellschaft hier wieder ein wenig umpolen könnten, wenn jeder einen kleinen Beitrag leistet. #TuFremdenGutes lässt sich natürlich erweitern und gilt natürlich auch für Nachbarn und Bekannte. Gerade Nachbarschaft war einmal deutlich intensiver, enger. Heute wohnen – aus verschiedenen Gründen – nebenan für Viele nur noch anonyme Personen, dem Namen nach bekannt, wo doch früher neue Nachbarn begrüßt wurden und man sich gegenseitig half. 

Weil der Pfeil jetzt auf euch zeigt, all die Blinden und Tauben,
auch wenns euch nicht anders ging lasst eure Kinder nicht glauben,
die Welt wär‘ aus Beton und dass es sich so gehört,
stetig darauf aus zu sein dass man sie zerstört

Ich hatte Glück, ich wuchs auf mit viel grün in der Umgebung, ich kletterte auf Bäume, zerkratzte mir Beine und Arme in Brombeergestrüpp, kam matschbesudelt nach Hause und war glücklich damit. Ich ging im Wald spazieren, im Park, ich kannte große Wiesen mitten in der Stadt, direkt nebenan, die mittlerweile Neubaugebieten weichen mussten. 

Stetig schreitet das Betonieren der Welt voran. Grün verschwindet, ob in kleinerem Rahmen in den Städten und Ballungsräumen oder großflächig aufgrund Abholzung von Wäldern für Holz, Bergbau oder landwirtschaftliche Nutzung. Wir zerstören immer mehr die Grundlage unserer Gesellschaft, betreiben Raubbau an der Welt, die wir von unseren Kindern ja laut geflügeltem Wort nur geliehen haben. Wir verpacken aus Öl gewonnenen Müll in aus Öl gewonnene Tüten um diese mit mit aus Öl gewonnenem Benzin fahreden Fahrzeugen auf Kippen zu sammeln und dann zu verbrennen. Wir holzen Wälder ab, als ob es kein Morgen gäbe, verseuchen unsere Flüsse, Meere und Seen, verpesten die Luft, produzieren Abfall mit unfassbaren Halbwertszeiten, ohne, dass wir sichere Lagerstätten hätten. 

und dass es ganz normal ist täglich dreimal zu duschen,
während andere verdursten und uns Bonzen verfluchen… 

Alles das tun wir, weil wir maßlos sind. Wir wollen mehr, wir wollen alles und wir wollen es sofort. „Wir“ sind hier die Menschen in den Ländern, die sich Überfluss leisten und die in den Ländern, die auf dem Weg dahin sind. Und die wenigen Reichen in den armen Ländern, wo Wasser ein Luxusgut ist und dann auch noch im Zweifel Nestlé gehört. Es ist pervers, es ist krank, was wir tun. Denen gegenüber, die darben und auch und vor Allem denen gegenüber, die noch in diese Welt hineingeboren werden, ohne sie vorher zu fragen, ob das alles so nach ihrem Willen ist. 

weil wir den Benz polieren, ’nen faulen Lenz markieren,
und uns aufregen wenn bei Take That zwei Fans krepieren,
doch wenn in andern Teilen täglich tausend Menschen verhungern,
und besoffene Penner kurz vorm Tod am Bahnhof rumlungern,
dann geht ihr lachend weiter als wär nie was passiert,
ihr kuschelt euch in euer Bett während der Penner erfriert

Raffgier, das Bedürfnis mehr und bessere Dinge zu haben, als andere, am Besten ohne viel Arbeit, nur durch Zinsen und Anteile an Unternehmen, in denen Menschen ausgebeutet werden, scheint Teil des Zeitgeists zu sein. Mitleid gibt es in arg beschränktem Rahmen. Kann mir so etwas auch passieren? Berichten die Medien und ich muss irgendwie betroffen sein? Je weiter weg von der eigenen Lebenswirklichkeit, desto weniger interessiert das Leid anderer Menschen. Mit Konzertbesuchern identifizieren wir uns einfach deutlich mehr, als mit armen Menschen in anderen Ländern oder gar auf anderen Kontinenten. 

Und die betrunkenen Obdachlosen sind uns zuwider. Die haben doch selber Schuld und außerdem verschandeln sie unser Stadtbild. Davon ab erinnern sie vielleicht auch einige Leute daran, dass sie selber, mit etwas Pech, in eine solche Situation kommen können und das können wir gar nicht leiden. Ab und an schmeissen wir Ihnen einen Groschen, statt einer Beleidigung hin, das beruhigt das eigene Gewissen so wunderbar. Das Selbe Prinzip, wie beim Mülltrennen. Etwas Gutes tun, um ein Feigenblatt zu haben und weiter den eigenen Weg zu gehen.

wir haben kapituliert haben uns selbst aufgegeben,
um ein Teil davon zu sein und irgendwie gut zu leben,
aus einer Welt voll Heuchelei findet niemand den Weg raus,
selbst der Tierschutzverein trifft sich heute im Steakhaus,
ja die Welt ist so verlogen und so bin es auch ich,
ich liebe die Natur und schlag ihr doch ins Gesicht… 

Bigotterie, Heuchelei und Opportunismus, Krankheiten unserer Politik, Krankheiten unserer Gesellschaft. Von Tag zu Tag wird es nicht besser, eher schlimmer, moralische Instanzen? My ass! Die einen hinterziehen munter Steuern, die anderen sind verbale Kriegstreiber, die nächsten predigen Wasser und trinken Wein. Wo man hinguckt Egoismus und die genannten Verhaltensweisen. Es ist einfach nur zum kotzen. Und: immer wieder ertappt man sich dabei, mehr Teil des Ganzen zu sein, als einem selber lieb ist. Die Plastiktüte extra, die Fahrt mit dem Auto, wo es das Fahrrad tut, der Kauf beim Multikonzern, der Verbrauch an Energie, damit man’s mollig hat, das französische Wasser, das man so gerne mag, der Kauf des Smartphones trotz der Arbeitsbedingungen. Ja. Auch ich bin mehr Teil dieser ganzen Scheisse, als ich möchte. Und, wenn ihr ehrlich seid, werdet ihr euch auch fast alle wenigstens zum Teil wiederfinden. Vielleicht können wir ja alle unseren Anteil ein wenig verringern, deal? 

zwei Durchschnittsidioten sie nannten sich Präsidenten,
um Tag für Tag nur mit Konflikten ihre Zeit zu verschwenden,
und nur aufgrund von Kleinigkeiten zieh’n die Truppen aufs Schlachtfeld,
sie sind gedrillt darauf zu töten wer sich gegen die Macht stellt,
so lang die Droge sie wach hält, werden sie weiter töten,
und im Glauben an die gute Absicht nicht mal erröten,
die Menschlichkeit sie geht flöten und euer Kontostand steigt,
während die Welt sich blind vor euch miesen Verbrechern verneigt. 

Zu Rüstungsindustrie und Ihren Lobbyisten und denjenigen, wie Gauck und von der Leyen, die für volle Auftragsbücher bei den Handwerkern des Todes sorgen, muss wohl nicht viel gesagt werden, oder? Und wer weiss, wie lange es noch dauert, bis die Menschen auch außerhalb von Kriegsgebieten mehr und mehr mit der Gewalt des Staates konfrontiert werden. Man höre zu, wenn Scharfmacher, wie Wendt reden und mehr Waffen und Befugnisse wünschen, wenn in Hamburg Gefahrengebiete ausgerufen werden, die Bundeswehr prinzipiell auch im Inneren agieren darf, man schaue auf Patente, die Google anmeldet und auf Dinge, die die Geheimdienste tun und was zwischen den Zeilen immer wieder durchscheint. Man schaue auf Obama und seine Bilanz an Drohnentoten und das immer noch vorhandene Guantanamo. Man höre zu, wem er und die Dienste welche Rechte zugestehen, man achte darauf, was mit Snowden, Manning usw passiert.

Man schaue auf das, was Springerpresse, Öffentlich Rechtliche und andere Massenmedien so verbreiten und was die Leute schlucken, als wäre es vollkommen ok. 

Es ist dringend Zeit, der Welt Medikamente zu geben. Alle gemeinsam an einem Strang ziehend. Bildet euch, bildet andere, bildet Gruppen! Gemeinsam haben wir – noch! – die Chance, etwas zu bewegen, doch die Zeit wird in vielerlei Hinsicht immer knapper und die Chancen schwinden. Denkt nicht nur an euch. Denkt an Nachbarn, denkt an Arme, denkt an hungernde und durstende Menschen, denen es nur so schlecht geht, weil wir alle im Überfluss leben, denkt daran, dass die reichsten 300 mehr besitzen, als die ärmsten 3 Milliarden und denkt an die Generationen nach uns! 

Denkt und handelt solidarisch, was gut für alle ist, ist auch gut für Euch! 

Besten Dank an Dopewalka für den roten Faden, die tollen Lyrics und das Ok, diesen Text einfach mal komplett zu nutzen. Hier findet ihr den Song (und weitere gute Musik), keine Sorge, er verbessert eure Laune direkt wieder und gibt euch die Energie, es anzugehen: dopewalka.net

#TuFremdenGutes

Wie kommt es zu diesem hochtrabend klingenden Hashtag als Überschrift? 

Die letzte Zeit dachte ich mal wieder ein wenig über die Welt nach, über die Probleme die der menschliche Teil dieser Welt hat oder verursacht und über mögliche Ansatzpunkte, um daran etwas zu ändern. 

Einige Textfragmente habe ich bereits gesammelt, vielleicht reifen sie noch zu Blogbeiträgen, man wird sehen. Letztendlich bin ich der Meinung, dass die meisten Probleme und Sorgen, die wir als Gesellschaft angehen müssen und auch können, sich mit wenigen Dingen verbessern lassen. Ich sage nicht, dass es schnell geht, ich sage nicht, dass es billig wird und ich sage nicht, dass sich nicht auch einiges anderes ändern muss, aber ich glaube, letztendlich lässt sich vieles auf folgende Bereiche herunterbrechen: 

Bildung, Bildung, Bildung. Bildung ist das Alpha und das Omega, sei es, um die Renten der nächsten Generation zu sichern, sei es, um mit weniger Raubbau an der Natur mehr Menschen zu sättigen, sei es bei anderen wichtigen Innovationen. 

Solidarität, Menschlichkeit, Nächstenliebe. Wenn wir Menschen uns alle als gleichwertig betrachten würden, eigene Ansprüche manchmal zum Wohle vieler zurückstellen würden, anderen helfen würden, unseren Überfluss teilen würden, dann könnte die Welt eine bessere werden. Dazu gehört auch Teilhabe für alle. Alles das käme, da bin ich überzeugt, allen zugute. 

Alle Macht den Menschen, nicht alle Macht wenigen Menschen und Organisationen. 

Als ich mir dann heute mein neues Monatsticket kaufte, eines von diesen schönen übertragbaren, auf denen man abends und am Wochenende noch jemanden mitnehmen kann (das kann man übrigens auch mit fremden Menschen machen, aber dazu gleich mehr), kam mir der zweite Punkt in den Sinn. Es ist nun einmal so, dass man am letzten Tag eines Monats bereits das neue Ticket nutzen kann und am ersten des neuen Monats noch das alte Ticket. 

Also dachte ich bei mir: Hey, du sprichst gleich am Ticketautomaten jemanden an und machst ihm einfach eine Freude. Ein paar Euro spart ja jeder gerne. Gegenleistung wollte ich natürlich keine, wobei ich bei einem Lächeln oder einem Danke nicht geweint hätte, so was erhält man ja auch, wenn man kein Zwei-Tages-Ticket verschenkt, sondern einfach jemanden mitnimmt. 

Also ab zur Haltestelle und am Automaten platziert.

Eine ältere Dame war die Glückliche, die als erstes ein Ticket ziehen wollte. „Geben Sie das Geld für etwas Schönes aus und nehmen Sie dieses Ticket“, sagte ich ihr. „Ich habe bereits das Neue“ schob ich hinterher, da sie sehr ungläubig guckte.

Die Frau ging kopfschüttelnd – und recht flott – weg. 

Nicht ganz anders erging es mir bei einem jungen Mann und einer Frau die ich mal auf 29b schätzen würde. Zitat:“Morgen ist doch schon wieder Geld drauf“ bzw. „Häh? Was soll denn das jetzt?“ gepaart mit weggehen und komischen Blicken. 

Das gab mir zu denken. In den nächsten Spiegel geschaut: So verboten sehe ich nun auch nicht aus.Was also war die Ursache? 

Es gibt Dinge, die sich gegenseitig verstärken, Spiralen ausbilden, sei es im Guten oder im Schlechten. Ich glaube, viele Menschen haben den Glauben an das Gute, Selbstlose in anderen Menschen verloren und erwarten immer einen Haken. Wer allerdings so denkt, wird meist auch nicht so handeln, wie er es bei anderen nicht erwartet. So bestätigen sich alle darin, dass sie egoistisch sind und die Solidarität bzw. kleine Nettigkeiten gehen weiter verloren. Ein Teufelskreis, den es zu durchbrechen gilt. 

Mir kam ein Gedanke, den ich auch gleich in die Tat umsetzte (und ich fand jemanden, der immerhin schon einmal das Ticket annahm): Ich wollte öfter Menschen etwas Gutes Tun. Aber ich wollte auch darüber sprechen bzw. schreiben. Ich wollte, dass andere Menschen dadurch vielleicht wieder ein wenig Glauben an andere Menschen finden oder selber genauso agieren und Multiplikatoren werden. Und ich knüpfte das Ganze an eine Bedingung (ok, sie ist nicht nachprüfbar, aber da sind wir wieder beim Glauben an das Gute):

Derjenige, dem ich Gutes getan hatte, „verpflichtete sich“, innerhalb einer Woche zwei anderen Fremden Gutes zu tun (wer weiß, vielleicht nimmt er ja jemanden auf dem Ticket mit), davon im Bekanntenkreis oder via social media zu berichten und denjenigen die gleiche „Auflage“ zu machen. 

Für Empörung und Kontroversen ist das Internet ja immer gut, es kann aber auch gut genutzt werden, um aus der spontanen Idee Einzelner eine Welle zu machen. Ich weiß nicht, ob das Ganze vielleicht nur eine spontane Spinnerei ist, die nichts bringt, ob überhaupt jemand meiner Meinung zustimmt, ob jemand mitmacht oder es gar weiterverbreitet, aber ich weiß, dass ich anfange das öfter zu machen. 

Jeder Einzelne kann mit Kleinigkeiten dazu beitragen, dass andere wieder den Glauben an die Menschen finden, vielleicht selbst aktiv werden und weitere Menschen für die Idee begeistern können. Das Mitnehmen auf dem Ticket, die Wegauskunft, wenn man jemanden verloren am Bahnhof sieht, der Kasten, den man der netten Frau in den Wagen trägt, es gibt so viele Kleinigkeiten, die einem selber nicht wehtun, aber in der Summe einiges bewegen können. 

Also, falls jemand bis hier gelesen hat und die Idee nicht ganz so bescheuert findet, verbreitet die Idee, lebt die Idee

Tut Fremden etwas Gutes, redet darüber und bittet diejenigen, zwei weiteren fremden Menschen etwas Gutes zu tun. Im Besten Fall tretet ihr eine Lawine los, die in den Köpfen etwas bewegt, im schlimmsten Fall erntet ihr ein paar dumme Sprüche in sozialen Netzwerken und komische Blicke auf der Straße. Seid kreativ beim verbreiten, macht Fotos mit glücklichen Menschen, dreht Videos, macht, was ihr wollt, aber macht was! 

Polizei & Polizeigewalt

Polizei und Polizeigewalt  

Es ist Zeit für eine zielgerichtete Untersuchung und öffentliche Debatte. Wie gehen wir mit dem Thema Polizeigewalt um und welche Maßnahmen können – auf verschiedenen Seiten – dazu beitragen, diese zu minimieren? 

Durch die Geschehnisse in München taucht dieses Thema auf der Agenda der Medien, der Blogger, ja, der Öffentlichkeit, auf. Das ist, auch wenn es natürlich schlimm ist, dieses Thema überhaupt diskutieren zu müssen, gut. Ohne Druck aus der Öffentlichkeit sehe ich keine Chance, dass sich in dieser Angelegenheit grundlegendes tut. Es handelt sich mitnichten nur um Einzelfälle, es handelt sich allerdings auch nicht um alle Polizisten. Wie überall gibt es solche und solche. 

Ich gehe das ganze Thema recht allgemein an, um kurz eigene Erfahrungen im Fußballbereich einfließen zu lassen. 

Ansatzpunkte für eine Verbesserung des Status Quo sehe ich auf mehreren Seiten. Vorrangig natürlich bei der Polizei selber. Hinzu kommen aber auch Staatsanwaltschaften und Gerichte sowie die Medien, die auch einen wichtigen Beitrag leisten können. 

An was denke ich da explizit?  

Die Polizei muss sowohl bei der Auswahl  ihrer Beamten, als auch bei der Ausbildung  dieser einiges ändern. Es muss ein großer Wert auf Themenfelder aus dem Bereich der Softskills gelegt werden. Kommunikation  und Deeskalation  sehe ich da als ganz wichtige Bereiche. Psychologisches Grundwissen ist unabdingbar. Menschen, die unbedingt eine Uniform und einen Schlagstock tragen wollen, dürfen nicht der Standard sein. 

Zudem muss sich der Geist des „sich-gegenseitig-deckens“ ändern. Zusammenhalt ist wichtig und es ist auch verständlich, dass man ungern Kollegen „hinhängt“, aber gerade bei einem Job, wie dem des Polizisten, ist es wichtig, dass Fehlverhalten  thematisiert und sanktioniert wird. Hier sind diejenigen Polizisten gefragt, die sich als Freund und Helfer sehen und für Recht eintreten. Interne Zivilcourage  quasi. 

Zu hinterfragen ist auch, warum bestimmte Einheiten (aus bestimmten Städten oder Bundesländern) einen deutlich schlechteren Ruf haben, als andere. 

Weitere Bausteine, die ich für unabdingbar halte, sind eine Kennzeichnungspflicht und vor allem eins: unabhängige externe Kontrollen der Polizeiarbeit! [1] 

Im Bereich Fußball  sollte auch das System der sogenannten SKB  (szene(un)kundige Beamte) überdacht werden. Nicht nur wird hier oft genug Recht gebeugt, sondern das Gefühl kommt auf, dass diese ihre Jobs sichern, indem sie auf viele selbstgeschriebene Anzeigen verweisen (dass das nicht der richtige Weg sein kann, sollte klar sein) 

Auch Gerichte und Staatsanwaltschaften  müssen umdenken. Polizisten sind auch nur Menschen. Sie sagen nicht deshalb wahrere Dinge vor Gericht (schon gar nicht, wenn es um sie selber, ihre Kollegen oder ihre Einsätze geht), als „normale“ Bürger. Dieses Zusammenspiel zwischen Polizist als Zeuge/Beschuldigtem/Kläger, der Staatsanwaltschaft und den Gerichten führt zu unmöglichen Urteilen(es ist schon komisch, wie selektiv zum Beispiel die Erinnerung vieler Polizisten vor Gericht ist, wenn es um lange zurückliegende Dinge geht und wie dies von Gerichten akzeptiert wird). 

 

Ich würde wetten, dass es durch diese Maßnahmen erstmal sogar zu MEHR Anzeigen gegen Polizisten kommen wird, so merkwürdig das klingen mag. Aber, wer schon einmal Anzeige wegen eines Einsatzes erstattet hat, kennt vielleicht die klassische Reaktion: Gegenanzeigen  (besonders beliebt sind dabei Widerstand, Beleidigung und Landfriedensbruch). Hat man Chancen auf faire Prozesse und Rechtsempfinden bei der Polizei, erhöht das die Chance, dass Mensch Anzeige erstattet. 

Diese Zeit sollte recht schnell überbrückt sein, wenn konsequent durchgegriffen wird und Maßnahmen greifen. 

Zuletzt finde ich, dass die Medien  eine wichtige Rolle spielen. Dies gilt sowohl speziell für die jetzt aufkommende Debatte, als auch für Berichte aller Art, die sich mit Fehlverhalten der Polizei oder Polizeieinsätzen an sich beschäftigen. 

Besonders augenfällig ist dies stets dann, wenn es bei Berichten um Gruppen geht, denen man leicht öffentlich und auflagenwirksam etwas ans Zeug flicken kann. Dazu gehöre z. B. ich als Fußballfan. 

Ich als Fußballfan durfte mir in den letzten Jahren immer wieder anhören, dass ich das „nicht dramatisieren“ solle und die „Polizei nur ihren Job“ macht, ergo: die Fans sind selber schuld durch ihr Verhalten, die Polizei ist die gute Seite der Macht. Schließlich prangten stets zu dieser Sicht passende Schlagzeilen und Fotos auf den Titelseiten der Zeitungen. Dass diese Berichte meist einfach unreflektiert abgeschriebene Polizeiberichte,  gewürzt mit populistischer Schlagzeile und dazu einem Bild (gerne Pyrotechnik, egal ob es einen Zusammenhang gibt oder nicht) waren, wen störts? Es steht ja geschrieben! 

Geistige Brandstifter, wie Wendt oder Friedrich (beide natürlich vollkommen seriös, unabhängig und neutraler, als die Schweiz) [2] durften ihren Populismus  verbreiten, die ZIS [3]half mit mutwilligen Statistikinterpretationen aus und die Medien? Die freuten sich über Quote und leichte Arbeit. Abtippen, nachwürzen, fertig. Demonstranten und Fußballfans in Dauerschleife als plündernde und brandschatzende Horden, billige Fertigkost für viele Redaktionen. Aber genug zu Fußball, dieses Thema werde ich separat aufarbeiten. 

Diese Berichterstattung muss sich ändern(teilweise tut sie dies bereits). Liebe Medienschaffende: Recherchiert, lasst beide Seiten zu Wort kommen, reflektiert Polizeiberichte, informiert die Leser / Zuschauer, statt nur die Polizeiseite wiederzugeben. 

Nur so kommen wir an einen Punkt, wo die Polizei wieder respektiert und als positiv angesehen wird, nur so kommen wir an einen Punkt, wo Mensch möglichst sicher vor ungeahndeten Übergriffen ist.

Es ist Zeit zu reden, es ist Zeit zu handeln! Jetzt! Konsequent! 

  [1] bislang nur in inoffizieller Form bekannt, z.B. Fußballfans beobachten Polizei   [2] Beispielhaft hier auch Olaf Kühl (GdP Meck-Pomm) [Link vermutlich vor allem für fußballinteressierte Menschen interessant] http://www.gdp.de/gdp/gdpmp.nsf/id/DE_gdp-m-v-der-deutsche-fussball-und-sein-Gewaltproblem   Dazu gibt’s eine (satirische) Replik: ostfussball.com/ultras-und-polizeideutung-eine-replik-1123   [3] diese Debatte haben sicherlich viele mitbekommen, lesenswert dazu zum Beispiel ein Artikel aus SpOn mitsamt angehängtem Fragenkatalog (www.spiegel.de/sport/fussball/statistik-zur-gewalt-im-fussball-polizei-zahlen-zur-abschreckung-a-868231)

Superkapitalismus und Demokratie

Freie Märkte sind eine Voraussetzung für Demokratie, aber was, wenn der Kapitalismus die Demokratie aushöhlt? 

Dieser zweite Blogpost behandelt ein Thema, dass, wie ich denke, zu den wirklich wichtigen Themen der nächsten Jahre gehört. Betrifft es doch uns alle sowohl als Verbraucher, als auch als Bürger. Zusätzlich befürchte ich durch wachsende soziale Ungleichgewichte – national, wie auch international zu beobachten – durchaus auch vermehrt radikalere Auswüchse der Unmutsäußerung. 

In ganzen Teilen hat mich das Buch „Superkapitalismus – Wie die Wirtschaft unsere Demokratie untergräbt“ von Robert Reich inspiriert, diesen Text zu verfassen. Wer es noch nicht kennt, dem sei es empfohlen, alle anderen finden vermutlich einiges ihnen Bekanntes hier wieder. 

Auf die Entwicklung des Superkapitalismus (in den USA aus – nach Reich – einem demokratischen Kapitalismus, in Deutschland aus der sozialen Marktwirtschaft) will ich nicht groß eingehen. 

Kurz gesagt haben technologische Fortschritte (übrigens zum ganzen Teil durch den kalten Krieg und damit verbundenem Rüsten), Globalisierung, Deregulierung und Wettbewerb dazu geführt, dass wir als Verbraucher und Anleger immer besser dastehen (und die Wirtschaft quasi „explodierte“), als Bürger jedoch die Schattenseiten ausbaden. 

Wie ist der Status quo?

Die Wirtschaft setzt immer mehr um und wächst nahezu ungehemmt, Banken spekulieren mit irrsinnigem Tempo und unglaublichen Gewinnen, wie auch Risiken. Unternehmen zahlen so wenig wie möglich, lagern dafür in Länder aus, wo gewisse Rechte lascher gehandhabt werden und senden ihre Lobbyisten aus, um in der Politik Einfluss zu bewahren oder auszubauen. 

Wir als Verbraucher und Anleger profitieren. Wir als Verbraucher sind sogar Schuld an dieser Entwicklung. Durch unseren Druck von zwei Seiten auf die Unternehmen, immer mehr Gewinne/Gewinnaussichten zu machen (wir als Anleger) und immer günstiger zu produzieren und anzubieten (wir als Verbraucher), zwingen wir Unternehmen zu diesen Schritten. 

Um Die Profite zu maximieren haben sich große Fonds gebildet, die dadurch große Macht haben, Unternehmen zu Gewinnmaximierungen (Entlassungen, Nebenleistungskürzungen, Billigstandorte, mangelhafter Umweltschutz…) zu zwingen. Wessen Geld wird dort verwaltet? Das Geld von immer mehr Menschen, die Anteile an solchen Fonds besitzen. Also von uns als Anlegern. 

Auch durch diesen Druck – und das simple Gesetz von Angebot und Nachfrage – steigen Gehälter der obersten Riege deutlich an. Solange Sie unser Geld mehren und uns weniger zahlen lassen, ist uns das als Verbraucher und Anleger Recht, als Bürger sind wir auch hier moralisch aufgebracht. 

Wir müssen uns also alle hinterfragen. Wie Reich es schreibt: „Diese Fragen der wirtschaftlichen Sicherheit, sozialen Gleichstellung, Gesellschaft, Umwelt und öffentlichen Moral  waren ein zentrales Anliegen […]. Doch mit der Verschiebung der Macht hin zu Verbrauchern und Anlegern sind diese Fragen immer weiter in den Hintergrund gedrängt worden. Wir haben einen Faustischen Pakt geschlossen. Die heutige Wirtschaft kann uns großartige Schnäppchen anbieten, weil Sie uns an anderer Stelle abkassiert. Wir können den großen Konzernen die Schuld in die Schuhe schieben, doch wir haben diesen Pakt vor allem mit uns selbst geschlossen.“ (S.133) 

Die Explosion des Lobbyismus ist auch direkte Folge dieses erhöhten Wettbewerbs, der durch uns befeuert wird. Immer mehr Unternehmen und Branchen kämpfen um Wettbewerbsvorteile und versuchen dementsprechend mit Gutachten, Geld und purer Masse ebendiese durchzudrücken. In Kombination mit guten Kontakten zu Medien ist das einfach Gold wert! 

Unsere Geiz ist Geil Mentalität schadet also uns als Bürgern. 

Wie können wir da was ändern? 

Gehen wir davon aus, dass Aufgabe des Kapitalismus ist, den vorhandenen „Kuchen“ zu vergrößern und Aufgabe der Demokratie, diesen zu verteilen, haben wir Ansatzpunkte auf beiden Seiten. 

Wir können unser Geld nur dort ausgeben, wo Arbeitsbedingungen und Löhne in Ordnung sind und Menschenrechte gewahrt werden. Das übt Druck aus, wenn wir uns mit genug Menschen zusammentun und unsere Macht bündeln. Ansonsten verpufft es fast unbemerkt. Ebenso sieht es mit Anlagen aus, nur, dass es dort noch schwieriger wird, da große Fonds als Mittler zwischengeschaltet sind. 

Wichtiger ist meiner Meinung nach das Ansetzen am anderen Hebel. Wir müssen die Demokratie stärken. Und: Wir müssen bereit sein, als Verbraucher und Anleger Kompromisse einzugehen und durchaus auch mehr für Dinge zu bezahlen. 

Wie können wir die Demokratie stärken? 

Hier gibt’s es viele mögliche Ansätze, sinnvoll ist sicherlich eine Kombination mehrerer Methodiken. 

Ich werfe mal ein paar Thesen in den Raum: 

Auf der inneren, persönlichen Ebene müssen wir weg von der Wachstumshörigkeit. Wir müssen weg von der Geizgeilheit. Wir müssen Empathie zeigen und an die schwächeren oder benachteiligten Menschen denken. Was spricht wirklich gegen ein BGE? Ist der Slogan „Arbeit für Alle“ überhaupt zeitgemäß und macht er Sinn? Warum nicht Dinge in Frage stellen?

Auf der politischen Ebene frage ich mich, was uns davon abhält, Kosten für Wahlkampfausgaben deutlich zu deckeln und dafür komplett aus Steuergeldern zu bezahlen? So bekämpfen wir einerseits den Lobbyismus und zwingen die Parteien sich anders zu präsentieren. Schiere finanzielle und damit plakatierte Übermacht kommt so nicht mehr vor.  

Wir müssen dem Lobbyismus die Macht nehmen. Von der Seite des Verbrauchers, indem wir die oben genannten persönlichen Dinge beachten. Indem wir Politik wirklich transparenter machen. Zur Not auch, indem wir uns zu großen Gruppen zusammentun und eine Gegenlobby bilden. 

Wir müssen Barrierefreiheit in so vielen Bereichen, wie möglich schaffen. Besonders in der Politik. Je mehr Menschen merken, dass Sie wertgeschätzt werden, je weniger Existenzängste Menschen plagen, desto eher werden Sie kreativ, werden sie sich engagieren. Dazu gehört auch die gleiche Bezahlung für Männer und Frauen und ähnliche Aspekte der Gleichberechtigung. Je leichter politische und soziale Teilhabe wird, um so mehr verschiebt sich die Macht hin zum Bürger.

Dann kann man Regulierungen schaffen. Seien es Vermögenssteuern, seien es Transaktionssteuern, sei es das Verbot der Spekulation mit manchen Gütern oder deutliche Erhöhung der Mindesthaltezeit von Aktien um Turbohandel zu stoppen, seien es Bereiche der Grundversorgung, die man verstaatlicht oder nicht privatisiert, sei es, indem wir regionale Produkte bevorzugen und lange (umweltschädliche und oft ausbeuterische) Lieferketten finanziell sanktionieren… Lasst eurer Fantasie freien Lauf.

Fakt ist für mich, dass wir es schaffen müssen, die Demokratie zu stärken und das wachsende Ungleichgewicht zu stärken. Dafür müssen wir Opfer bringen und Geduld mitbringen, aber je mehr Menschen dies auch so (ein)sehen, desto eher können wir Ergebnisse erzielen und weitere Menschen überzeugen. 

Große Veränderungen fangen mit Utopien an und können auch wehtun. 

Wem das zu sozialistisch klingt (ich finde das nicht, ich nenne es sozial) und meint, Leistung würde sich nicht mehr lohnen, den verweise ich auf Niedriglohnarbeiter und Multijobber, die sehr wohl sehr viel leisten und darauf, dass die Topgehälter unverhältnismäßig wachsen und die großen Vermögen ohne Arbeit einfach weiter explodieren, dem erwidere ich gerne die Worte von Walter Reuther:

„Wenn der Kampf für gleiche und gerechte Verteilung des Wohlstands in diesem Land sozialistisch ist, dann bekenne ich mich schuldig, ein Sozialist zu sein“