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Von Tugçe. Von Zivilcourage. Vom Hang zu Extremen

Ja, es ist schlimm, wenn ein junger Mensch sein Leben verliert.
Ja, es ist schlimm, wenn dies (auch) passiert weil dieser Mensch anderen Menschen helfen wollte.
Ja, natürlich ist dieser Fall ein Beispiel für Zivilcourage.
Ja, natürlich ist dieser Fall ein Beispiel für Gewalt mit schlimmen Folgen.
Aber ist er nicht auch ein Beispiel für den Hang zu Extremen in Bewertungen?
Ist er nicht auch ein Beispiel für Schnelllebigkeit? Für Schnellschüsse?
Haben wir irgendwo das Maß verloren?

Heilige oder Teufel. Ehrungen oder Vergessen. Hass oder Bewunderung. Klickstrecken und Petitionen.

Ist diese Überhöhung, die gerade viele Menschen forcieren nicht auch ein wenig merkwürdig? Ist sie teilweise vielleicht sogar schädlich? Ist Tugce wegen ihrer Zivilcourage gestorben oder hätte es nicht auch bei einem anderen, dummen Streit passieren können, dass sie unglücklich getroffen wird und fällt? Hätte ihre Zivilcourage weniger Wert gehabt, wäre sie nicht gestorben? Wäre dann auch berichtet worden? Wäre sie dann auch eine Heldin für viele Menschen? Oder braucht es auch hier das Extrem? Und die Verknüpfung von Extremen?

Tugce hat ihr Leben verloren. Das ist ein Fakt. Einer der wenigen klaren.

Zu schreiben, sie hätte es riskiert, wie ich es oft lese, sagt aus, dass Zivilcourage ein Risiko für das eigene Leben darstellt. Dauernd. Quasi ein der Zivilcourage immanentes Risiko. Und ein durch sie bewusst eingegangenes noch dazu. Ich kannte Tugce nicht und kann daher absolut nicht sagen, was in ihr vorgegangen sein mag, als sie losging, um zu helfen. Aber hatte sie wirklich im Kopf „gleich kann ich sterben, wenn ich mache, was ich jetzt vorhabe, wenn ich jetzt helfe“?
Ist Zivilcourage erst dann wirklich medienwirksam und wird gesellschaftlich honoriert, wenn ein Mensch dabei stirbt oder mindestens schwer verletzt wird? Was sagt das über unsere Gesellschaft aus, wenn Zivilcourage an sich nicht ausreicht, sondern erst ein Mensch sterben muss, dann aber direkt vom Mensch zum Heiligen wird? Was sagt es aus, dass auch viele Leute auf der Seite der Täter sind, wie man Verweisen auf Facebook und Screenshots entnehmen kann? Menschen, die die Schuld Tugce geben, hätte sie sich nicht eingemischt, wäre ja nichts passiert. Muss es heute immer in die Extreme gehen?

Wäre es ein passenderer medialer und gesellschaftlicher Umgang gewesen, sie für ihren Mut und ihre Zivilcourage zu loben, diese Situation aber von den indirekten Folgen zu trennen? Eine sachliche Debatte über mögliche Gründe für die entstandene Situation, statt der üblichen Extreme zuführen? Eine sachliche Debatte über die Notwendigkeit von Zivilcourage, über Entstehung und Vorhandensein von Gewalt? Im Allgemeinen und im Speziellen Fall?

Zivilcourage ist wichtig, solange es Menschen gibt, die sich über andere erheben wollen, andere unterdrücken wollen, andere berauben wollen. Zivilcourage sollte gefördert werden, es sollte gezeigt werden, wie man helfen und dennoch sein eigenes Risiko gering halten kann. Es sollte meiner Meinung nach nicht zu einer überzogenen Verknüpfung von Zivilcourage und dem eigenen Tod kommen, wobei das potentielle Risiko nicht verschwiegen werden darf. Methoden vermitteln, statt Angst und Heroisierung. Überzahl schaffen, Zeugen schaffen, Hilfe holen. Den Weg über die Schaffung von Helden und gleichzeitig auch von Angst vor eben dieser Art der Heldwerdung halte ich für kontraproduktiv. Die einen lockt vielleicht der „Ruhm“ und sie überschätzen sich, die anderen schreckt die Angst ab. Wollen wir das?
Ein Streit, der mit Gewalt und  nicht mit Worten ausgetragen wird, beinhaltet immer das Risiko, dass sich jemand, selbst wenn es unglücklich und ungewollt geschieht, schwer verletzt oder gar stirbt. Relativ unabhängig vom Auslöser der Situation.

Auch hier müssen wir als Gesellschaft uns hinterfragen. Wieso werden so viele Menschen gewalttätig? In welchen Situationen? Was können wir tun, um Häufigkeit und Intensität zu senken? Es wird  nie eine komplett gewaltfreie Welt geben, nie kompletten Schutz vor Gewalt. Und auch ein kleiner, an sich harmloser Schubs kann zum Tode führen, wenn ein Mensch unglücklich fällt. Aber wir alle sind gefragt, wenn es darum geht, das Risiko zu senken. Dies geschieht nicht durch Ehrungen oder Verteufelung.

Bei beiden Seiten, sowohl der Courage, als auch der Gewalt, kommen wir nicht umhin, in der Betrachtung tiefer einzusteigen. Bildung, Erziehung, Integration, Chancen, Wertschätzung, Werte. Alles Begriffe, die – nicht von heute auf morgen wirksam – auf Gewalt und Courage einwirken, sie beeinflussen. Und ich habe diese Begriffe bewusst offen gewählt. Wir brauchen Ideen, Diskussionen, Auseinandersetzung. Aber sachlich. Nachhaltig. Nicht laut, öffentlichkeitsheischend und kurzfristig.

Und wir müssen uns auch dahingehend hinterfragen, wie wir solche Dinge aufarbeiten; warum Medien und Gesellschaft immer schneller immer mehr und immer extremer reagieren auf Situationen und nicht erst versuchen, zu analysieren, sondern direkt auf der Stufe (extremer) Bewertungen einsteigen.

Vielleicht lernen wir dann etwas aus dem dem Tod von Tugce. Vielleicht reden wir auch schon in einer Woche kaum noch über sie, weil wir ein anderes Objekt gefunden haben, an dem wir unseren Hang zu Extremen ausleben. Wir werden es sehen.

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