Archiv für den Monat Oktober 2013

Alltagssexismus und Unfreundlichkeit

Replik auf das Unfreundlichwerden der Antje Schrupp 

 

Antje Schrupp, Journalistin, Feministin, Politikwissenschaftlerin und Philosophin hat am 24.10. auf Ihrem Blog antjeschrupp.com einen relativ kurzen Beitrag verfasst, in dem sie, bezugnehmend auf das Buch „Ich bin kein Sexist, aber…“ davon schreibt, „wie ich zu einer unfreundlichen Person wurde“. 

Antje Schrupp wurde natürlich nicht zu einer allgemein unfreundlichen Person, diese Unfreundlichkeit bezieht sich auf ihr unbekannte Personen männlichen Geschlechts. Ich gehe mal davon aus, dass sie nicht jeder Person in den Schritt fasst, sich nach deren Chromosomen erkundigt oder sie fragt, welchen Geschlechts sie sich zugehörig fühlt, daher nehme ich an, dass sie hier die „klassischen Männer“ meint. Das an sich ist ja auch schon spannend, würde das von einem Mann kommen, würde ich einen #Aufschrei erwarten. Es geht imo eher um eine gewisse, nicht unverständliche, Angst vor physisch Stärkeren Menschen, die dann auf Männer projiziert wird, aber das ist erst einmal nur meine eigene Meinung.

Das ausschlaggebende Ereignis fand im Alter von ca. 14 Jahren mit einem damaligen Freund statt und prägt ihr Verhalten bis heute. Kurz gesagt, geht es darum, dass beim Rumknutschen der Freund gerne „mehr wollte“. Sie war schockiert, obwohl sie ihm zugutehält, dass er es mit der „Warnung“, dass einige Männer dann nicht mehr aufhören würden (was er tat), gut mit ihr meinte. Als Resultat eine Furcht vor physischer Stärke davonzutragen, halte ich für durchaus plausibel. Der Umgang mit dieser (von mir vermuteten) Furcht trifft jedoch nicht meinen Geschmack, womit ich ihr aber um Gottes Willen keine Schuld zuschustern will, bevor es der Erste ausruft. 

Eine Replik auf eben diese Szene findet sich unter allesevolution.wordpress.com. Dort wird die Szene hypothetisch weitergedacht und (imo überspitzt) am Geschlecht gespiegelt. Interessant, wenn ich auch nicht komplett zustimmen oder dies vergleichen möchte, aber das ist ein anderes Thema. Wer mag, kann ja dort lesen. 

Aus dieser Szene heraus entwickelte sich jedenfalls ihre Abwehrhaltung gegenüber fremden Männern. 

Ok, nicht gegenüber allen fremden Männern, die Selektion war dahingehend, dass nur diejenigen Chancen auf Freundlichkeit hatten, mit denen sie sich Sex vorstellen konnte. (ich wittere hier einen weiteren #Aufschrei, würde ich so selektieren bei Menschen weiblichen Geschlechts, aber gut) Sie bezeichnet dies als „kalkuliertes Risiko“, da Vergewaltigung durch diese „nicht so schlimm“ wäre. Dies ist übrigens eine Wortwahl, die mich wirklich erschüttert hat, stammt sie doch aus der Feder der Autorin in Ihrer Jugend. Wenn junge Mädchen so über Vergewaltigung sinnieren, hat sie das Erlebnis mit Sicherheit mehr mitgenommen, als viele Männer (und auch Frauen) sich das vorstellen können. Allein solche Gedanke zu denken muss schlimm gewesen und beim heutigen Lesen immer noch schlimm sein.

Dass sie dadurch eventuell tolle Menschen nicht kennenlernt, findet sie schade, aber es gibt ja „genügend interessante Frauen auf der Welt“.  Ok, das ist, wie ich finde, der falsche Ansatz (wenn es natürlich auch viele tolle Frauen gibt, keine Frage), da man von Vorneherein selektiert und Menschen keine Chance gibt. Aber, das Erlebte ist halt bis heute stark prägend und von außen kann ich kaum beurteilen, inwiefern sie damals eine andere Wahl hatte, als sich von da an eben so zu verhalten.

Jetzt kommen wir zu den Passagen, wegen denen ich diesen Beitrag überhaupt verfasse.

 „Ich erlebe selten Sexismus im Alltag, aber durch das Lesen der Geschichte von Nicole wurde mir klar, dass ich einen hohen Preis dafür bezahle. Denn ich erlebe nur deshalb wenig Sexismus, weil ich Männer meide, die mir unbekannt sind.“ 

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Sie erlebt wenig Sexismus NUR DESHALB, weil sie ihr unbekannte Männer meidet. Wow. Sonst würde dies selbstverständlich häufig auftauchen, schwingt deutlich mit. Diese Herangehensweise ist, wie ich finde, für eine Person mit ihrer (Aus)bildung ein Armutszeugnis. Auf diesem Weg kann man sich fast alles herbeifabulieren. 

Mir geht es nicht darum, dass sie das Gefühl hat, dass es so sein könnte, sondern sie stellt es als Tatsache dar. Dass sie dieses Gefühl hat, finde ich schade, in Teilen ist es vermutlich leider nicht unberechtigt und diese Wahrnehmung hat auch ihre Gründe (vom Erlebten über Gehörtes bis hin zur Filterbubble usw.), aber es zur Tatsache zu erheben finde ich grotesk. Ja, es gibt Alltagssexismus (ist es nicht auch Alltagssexismus, Menschen eines bestimmten Geschlechts voreingenommen und feindselig entgegenzutreten? Wäre das bei Hautfarbe statt Geschlecht nicht absolut verdammenswerter Rassismus?), aber etwas, was man nicht/wenig erlebt, zur Regel zu erheben, weil man es ja nur durch sein eigenes Handeln unterbindet?

Ich finde es sowohl nach wissenschaftlichen, als auch nach journalistischen Maßstäben sehr fragwürdig, so zu „argumentieren“. Ja, es gibt leider Fälle von Übergriffigkeit, aber die verhindert man nicht nur durch grimmiges Gucken oder führt sie durch fröhlich-freundliche Art herbei. Man selber handelt nach seinem freien Willen, vergisst aber, dass andere das auch tun, nicht nur auf einen reagieren (oder nur instinktiv agieren), sondern selbständig agierende Menschen sind. Übergriffe werden eher durch Selbstbewusstsein verhindert, das lernt man z.B. in Selbstbehauptungs- oder Selbstverteidigungskursen. Die Täter suchen sich zumeist Opfer. Selbstbewusstsein passt nicht wirklich in dieses Schema, wenn es auch sicher kein Allheilmittel ist.

Und: Ich halte diese Herangehensweise für gefährlich. Mit der gleichen „Argumentation“ kann man, wenn man die Gruppenbezeichnungen tauscht, gegen jegliche Gruppe seine Vorurteile bestätigen. Ohne mit der Gruppe Berührungen zu haben.

 

Ich erlebe selten $Sache im Alltag, aber nur deshalb weil ich $Gruppe meide.  

 

Hier kann jetzt jeder seine Vorurteile gegen jegliche Gruppe einsetzen. Welche Variante gefällt euch am Besten? Roma und Diebstahl? Ausgrenzung und Feministinnen? Asoziales Verhalten und Hartz IV Empfänger? Und hey, wenn eine angesehene Journalistin und Feministin und Philosophin das macht, eine Promovierte noch dazu, dann ist das schon korrekt. Danach dann einfach noch behaupten, man sei kein Einzelfall („Hat XY ja geschildert“). 

 „Ich behaupte, dass ich kein Einzelfall bin, sondern, dass der Alltagssexismus macht, dass sehr viel weniger Freundlichkeit von Frauen in der Welt ist, als sein könnte.“ 

Das stimmt vermutlich leider, wie ich auch behaupte, dass leider stimmt, dass wegen diesen Frauen viel weniger Freundlichkeit von Männern in der Welt ist, als sein könnte. Warum auch freundlich lächeln oder was Nettes sagen?

Antje Schrupp schreibt (das ist ihr gutes Recht) sehr einseitig und stellt Frauen in eine unnötige Opferrolle. Es ist keine Stärke, auf diese Art zu blocken, Stärke wäre das genaue Gegenteil. Und es gibt so viele starke Frauen, die nicht mit vereinnahmt werden möchten. Zusätzlich ist ihr Männerbild (ok, einigen gesteht sie hier Vernunft zu) auch arg einseitig negativ.

 

Worte an die Autorin 

Frau Schrupp, versuchen Sie es doch mal mit etwas Offenheit, Sie werden sicher positive Resonanz erfahren. Sagen Sie Ihre Meinung nicht nur in Schriftform, trauen Sie sich doch einfach zu, mit einem klaren „Nein“ oder einer kurzen Erklärung für Sie potentiell unangenehme Situationen zu meistern. Und versuchen Sie die Dinge mal von allen Seiten zu beleuchten, lesen Sie ruhig mal die oben genannte Replik und versuchen Sie sich die Situation mal empathisch vorzustellen. Raus aus der Filterbubble, weg von Schulterklopfern (oder dem jeweiligen trolligen Gegenstück), rein ins bunte, vielfältige Leben. 

Sie werden sehen, dass es viele tolle Menschen (aller Geschlechter, Farben, Formen) gibt. Sie werden sehen, dass Menschen viel offener und weniger furchteinflößend sind, wenn Sie über Ihren Schatten springen. Vielleicht anfangs noch in Begleitung von Vertrauten, wenn es in der Öffentlichkeit ist, aber versuchen Sie es mal.

Sie sind doch eine intelligente Frau, die toll ein Vorbild sein könnte (für viele wohl auch derzeit schon ist, aber da bin ich eher nicht so begeistert ;)). Eine starke, moderne, weltoffene, humanistische Frau, die auch so agiert. Eine Frau, die einiges erreicht hat, die sich anscheinend im Beruf ja auch behaupten kann. 

Und bitte treiben Sie nicht durch solche Beiträge noch mehr Keile zwischen Männer und Frauen und bieten auch anderen damit die Chance Keile zwischen Gruppen zu treiben. 

Gruppenbezogene Feindlichkeit sollten wir abbauen, wo immer es geht, gehen Sie mit voran! 

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